23. Juni 2016
VdK-Zeitung

Fast jeder Fünfte muss vorzeitig in Rente

VdK warnt vor hohen Armutsquoten und fordert Abschaffung der Abschläge bei Erwerbsminderung

Krankheit ist ein hohes Armutsrisiko. Wer aus gesundheitlichen Gründen Erwerbsminderungsrente bezieht, erhält oft eine Rente unter Grundsicherungsniveau. Der Sozialverband VdK fordert, die Situation der Frührentner nachhaltig zu verbessern.

Wegen hoher Belastungen im Beruf schaffen es viele nicht mehr, bis zur Regelaltersgrenze zu arbeiten. | © imago/Science Photo Library

„Eine schwere Erkrankung, die zum Verlust der Arbeitsfähigkeit führt, ist ein tiefer Einschnitt im Leben. Dafür auch noch mit einer Rente unter der Armutsgrenze bestraft zu werden, ist nicht hinnehmbar“, erklärt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher.

18,4 Prozent aller Neurentnerinnen und Neurentner sind nach Angaben der Bundesregierung im Jahr 2014 aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig in Rente gegangen. Im Schnitt lagen die Erwerbsminderungsrenten bei 628 Euro: 386 Euro erhalten Menschen mit teilweiser Erwerbsminderung, die noch bis zu sechs Stunden täglich arbeiten können. 664 Euro beträgt die monatliche Auszahlung bei voller Erwerbsminderung.

Berechnungsgrundlage für eine Erwerbsminderungsrente ist der Durchschnitt der bisher geleisteten Beiträge zur Rentenversicherung. Dieser wird bis zum 62. Lebensjahr fortgerechnet. Allerdings kommen viele der aktuell 1,8 Millionen Erwerbsminderungsrentner aus schlecht bezahlten Berufen, etwa im Baugewerbe oder in der Pflege, viele haben im Niedriglohnsektor oder in prekären Jobs gearbeitet.

Ein wesentlicher Grund für diese niedrigen Renten sind die hohen Abschläge. Für jeden Monat, den diese Menschen vor der für sie geltenden Altersgrenze in Rente gehen, betragen sie 0,3 Prozent, insgesamt maximal 10,8 Prozent.

Tatsächlich muss auch ein Arbeitnehmer, der freiwillig vorzeitig aus dem Berufsleben ausscheidet, Rentenabschläge in Kauf nehmen. Der „Kardinalfehler“ ist nach Ansicht von VdK-Präsidentin Mascher aber, dass diese Regelung auch für denjenigen gilt, der durch Krankheit gezwungen ist, vorzeitig in Rente zu gehen. „Krankheit darf nicht arm machen. Deswegen müssen diese Abschläge weg“, fordert sie.

Die Entwicklung ist alarmierend: Jeder dritte alleinstehende Erwerbsminderungsrentner muss Grundsicherung beantragen, lebt also an der Armutsgrenze. Das Fatale: Aus eigener Kraft kann man der Armut bis ans Lebensende nicht mehr entkommen, denn die Gesundheit lässt es nicht zu, einen Job anzunehmen, um das schmale Einkommen aufzubessern. Mascher warnt: „Ein armer Frührentner wird ein armer Altersrentner. Das Problem der Altersarmut verschärft sich noch mehr.“

Nach Berechnungen des Sozialverbands VdK würde die Rücknahme der Rentenabschläge für Erwerbsminderungsrentner zu etwa zwei Milliarden Euro jährlichen Mehrausgaben in der Rentenversicherung führen. „Das ist machbar, dieser Spielraum wäre da“, ist Mascher überzeugt. Sie wies darauf hin, dass beispielsweise die Ausgaben für die Mütterrente, die nach Ansicht des VdK systemwidrig aus der Rentenkasse bezahlt werden, künftig aus Steuereinnahmen finanziert werden könnten.

Ebenfalls prekär ist die Situation für die Gruppe derjenigen, deren Erwerbsminderungsrente abgelehnt wird, was bei fast der Hälfte der Anträge der Fall ist. Diese Menschen finden oft keinen Job mehr und geraten in die Abwärtsspirale: Erst werden die Ersparnisse aufgebraucht, dann schlagen sie sich mit Arbeitslosengeld II bis zur Altersgrenze durch und müssen schließlich Grundsicherung beantragen.

Grundsätzlich dürfe die Politik nicht länger hinnehmen, dass Arbeit krank macht, erklärt Mascher. Im Durchschnitt sind Erwerbsminderungsrentner beim Erstbezug erst 50 Jahre alt. Sie haben eine oft mehrjährige Krankengeschichte hinter sich, immer mehr scheiden aus psychischen Gründen aus. „Gesundheitliche Prävention muss zur Pflichtaufgabe jedes Unternehmens werden“, fordert Mascher deshalb.

bsc

Schlagworte Rente | Armut | Erwerbsminderung | Erwerbsminderungsrente | Altersarmut | Grundsicherungsniveau

Aktuelle Artikel im Dezember 2016:

VdK-Zeitung
Motiv der Kampagne "Weg mit den Barrieren!". Bildbeschreibung: Auf der linken Seite ein Foto vom Mount Everest und der Text "1953 - Der Mensch bezwingt den höchsten Berg der Welt." Auf der rechten Seite der Text: "2016 - Gehbehinderte Menschen träumen vom Wohnen ohne Stufen. Wir sollten weiter sein. Weg mit den Barrieren! Unterstützen Sie uns. www.weg-mit-den-barrieren.de"
Zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember veröffentlicht ein Bündnis aus BAGSO (Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen), vzbv (Verbraucherzentrale Bundesverband), Sozialverband VdK und weiterer Verbände eine Erklärung zur Barrierefreiheit.
VdK-Zeitung
VdK-Präsidentin Ulrike Mascher
Dieser Fall machte Schlagzeilen: Ein 82-Jähriger bricht vor einem Bankautomaten zusammen. Mindestens vier Menschen steigen achtlos über ihn hinweg. Eine Überwachungskamera hält fest, dass es 20 Minuten dauert, bis ein fünfter Kunde kommt, den Notruf wählt und Hilfe holt – für diesen Rentner aber leider zu spät.

VdK-Zeitung
Symbolfoto: Ein Schulmädchen in der Klasse, sie hat den Kopf auf die Hände gestützt.
Die geplanten neuen Regelsätze der Grundsicherung leisten keinen Beitrag für die dringend notwendige Bekämpfung der Armut im reichen Deutschland. Trotz erheblich höherer Bedarfe sollen die Regelsätze zum Jahreswechsel nur geringfügig steigen. Armut wird so nicht überwunden, sondern zementiert, sagt der Sozialverband VdK und fordert eine grundlegend neue Berechnung der Regelsätze.
VdK-Zeitung
Symbolfoto: Drei Wegweiser mit den Aufschriften Inklusion, Integration und Teilhabe
Das Bundesteilhabegesetz soll Schluss machen mit Benachteiligungen für Menschen mit Behinderung. Doch hält der Gesetzentwurf der Bundesregierung, was er verspricht? Der Sozialverband VdK sagt: nein. Die Lebenssituation von Menschen mit Behinderung kann sich damit sogar verschlechtern.

Pflege
Symbolfoto: Eine Frau schiebt ältere Frau im Rollstuhl
Mit dem Pflegestärkungsgesetz II, das ab Januar 2017 umgesetzt wird, wird die häusliche Pflege neu geordnet. Waren es bisher mindestens 14 Stunden pro Woche, die pflegende Angehörige aufbringen mussten, um Rentenansprüche für die Pflege zu erwerben, so sind es ab 1. Januar nur noch zehn. Das heißt: Mehr Menschen als bisher erhalten Rentenpunkte für häusliche Pflege.
Teilhabe und Behinderung
Symbolfoto: Fassage der Agentur für Arbeit, davor ein Schild, das einen Behindertenparkplatz ausweist
Menschen mit Behinderung haben es oft schwer, eine Arbeitsstelle zu finden. Denn es grassieren immer noch viele Vorurteile und Bedenken in den Köpfen der Arbeitgeber. Doch wie sollte man eigentlich mit einer Beeinträchtigung oder Behinderung im Bewerbungsschreiben und Vorstellungsgespräch umgehen? Der Sozialverband VdK gibt Antworten auf Fragen wie diese.

Hier finden Sie die Artikel aus unserer Reihe "So hilft der VdK":

Mitgliedschaft
Symbolfoto: Eine Statue der Justitia
In unserer Serie "So hilft der VdK" berichten wir regelmäßig über echte Fälle aus der Sozialrechtsberatung unserer VdK-Landesverbände, bei denen der VdK seinen Mitgliedern zu ihrem Recht verholfen hat. | weiter
VdK-Pressemeldung
Foto: Ulrike Mascher bei einer Pressekonferenz
Unsere Pressemitteilungen informieren bundesweit über wichtige Forderungen, Positionen, Ziele und Termine des Sozialverbands VdK.
Presse-Kontakt
Symbolfoto: eine PC-Tastatur mit Symbolen für E-Mail, Telefon und Brief
Ihre Ansprechpartner für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Sozialverbands VdK Deutschland.
Für Medienvertreter
Symbolfoto: Eine Fotokamera
Journalisten finden hier Hintergrundinformationen und Logos zum VdK Deutschland sowie Pressefotos und eine Vita der VdK-Präsidentin.
VdK-Zeitung
Eine zusammengerollte VdK-Zeitung, Ausgabe Dezember 2016/Januar 2017
Die VdK-Zeitung erscheint zehnmal pro Jahr. Mit einer Auflage von mehr als 1,5 Millionen Exemplaren gehört sie zu den größten Mitgliederzeitungen bundesweit. Die überregionalen Artikel der VdK-Zeitung können Sie jeden Monat kostenlos hier lesen.