23. Mai 2016
VdK-Zeitung

Der alltägliche Kampf gegen die Altersarmut

Mehr als 530.000 Senioren leben in Deutschland am Existenzminimum – Viele von ihnen müssen noch im hohen Alter arbeiten

Immer mehr Menschen haben Angst, dass ihre Rente später nicht zum Leben reicht. Sie sorgen sich vor Altersarmut. Viele haben ein Leben lang gearbeitet und die Rente reicht trotzdem nicht. Aktuell ist eine Rentendiskussion entfacht. Mitglieder des Sozialverbands VdK berichten über ihre finanzielle Not.

© Imago/Steinach

Die Schuhe sind abgewetzt, der Gang ist schwer. Einmal in der Woche trägt der 69-jährige Michael Fey in seiner Heimatgemeinde Lohr am Main ein kostenloses Anzeigenblatt aus. Mit dem Lohn bessert er seine kärgliche Rente auf. Zwar liegt der Stundenlohn der Zeitungsausträger wegen einer Ausnahmeregelung noch immer unter dem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro und ein Großteil dieses Zusatzeinkommens wird mit der Grundsicherung, die er bekommt, verrechnet. Dennoch hilft ihm dieses Geld, etwas besser über die Runden zu kommen.

Auftraggeber brachen weg

Wie viele ältere Menschen lebt Michael Fey am Existenzminimum. Im Jahr 2003 waren 258.000 Rentner auf Grundsicherung angewiesen. 2015 waren es mit 536.000 bereits mehr als doppelt so viele, und die Zahl der Betroffenen wird weiter steigen. Denn immer mehr Menschen kommen ins Rentenalter, die sich in prekären Beschäftigungsverhältnissen, wie zum Beispiel Leiharbeit, befinden, nur minimale Gehälter bekommen oder Solo-Selbstständige (ohne Mitarbeiter) sind. Zur letzten Gruppe gehörte auch Michael Fey. Er hatte als freier Übersetzer gearbeitet und war deswegen nicht pflichtversichert in der gesetzlichen Rentenversicherung. Fey vertraute darauf, diesen Beruf lange Zeit ausüben zu können, doch leider brachen viele Auftraggeber weg. Er arbeitete vor allem als Übersetzer für türkische Migranten. Da die Deutschkenntnisse der Zuwanderer immer besser wurden, waren seine Dienste immer weniger gefragt. Die Altersvorsorge blieb auf der Strecke. So bekommt er nur eine Mini-Rente für die Zeit, in der er seine Tante gepflegt hatte.

Doch auch andere Menschen, die sogar freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben, sind auf Grundsicherung angewiesen. Rudi Haber aus Pirmasens beispielsweise. Von 1971 bis 2012 hatte er gearbeitet und in die Rentenversicherung eingezahlt. Dann musste er aus gesundheitlichen Gründen in die Erwerbsminderungsrente gehen, zahlte aber noch drei Jahre freiwillig in die Rentenkasse ein. Trotz allem kommt er nur auf eine monatliche Rente von 373,12 Euro. Damit er seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, bekommt er noch 298,14 Euro Grundsicherung. Abzüglich Miete, Nebenkosten und Strom bleiben ihm 237,26 Euro zum Leben. Von der Rentenerhöhung im kommenden Sommer hat Haber überhaupt nichts, da diese komplett mit der Grundsicherung verrechnet wird.

Karin Müller aus Bad Birnbach hat mit 14 Jahren eine Lehre gemacht, 44 Jahre gearbeitet und in die Rentenversicherung eingezahlt. 2006 wurde sie arbeitslos, bekam zwei Jahre Arbeitslosengeld I, dann ein Jahr Arbeitslosengeld II, und mit 60 Jahren ist sie mit einem Abschlag von 18 Prozent in Rente gegangen. Sie bekommt monatlich 566 Euro. Um über die Runden zu kommen, arbeitet sie als Putzhilfe. „Sonst ginge gar nichts mehr“, sagt Karin Müller.

Verschiedene Risikogruppen

Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung sieht fünf Personengruppen, die besonders von Altersarmut bedroht sind: „familienorientierte Frauen“, die finanziell von ihrem Ehemann abhängig waren und selbst nicht ausreichend in die Rente eingezahlt haben, „ehemalige Selbstständige“, die nicht vorgesorgt haben, „zugewanderte Personen“, die eher eine schwache Stellung auf dem Arbeitsmarkt hatten, „umbruchsgeprägte Ostdeutsche“, die zur Zeit der Wiedervereinigung ihren Job verloren und aufgrund ihres Alters keine Anstellung mehr fanden, und die „Gruppe der komplex Diskontinuierlichen“, die in ihrem Leben viele Brüche oder Schicksalsschläge erleben mussten, obdachlos oder suchtkrank waren.

Menschen wie Michael Fey lassen sich trotz Armut nicht unterkriegen. Der Unterfranke bildet sich fort und bringt sich Arabisch bei. Beim Zeitungsaustragen lernte er Zuwanderer kennen, denen er bei der Integration hilft.

hei

Schlagworte Armut | Altersarmut | Rente | Rentner | Senioren | Existenzminimum

Aktuelle Artikel im Dezember 2016:

VdK-Zeitung
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Zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember veröffentlicht ein Bündnis aus BAGSO (Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen), vzbv (Verbraucherzentrale Bundesverband), Sozialverband VdK und weiterer Verbände eine Erklärung zur Barrierefreiheit.
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Dieser Fall machte Schlagzeilen: Ein 82-Jähriger bricht vor einem Bankautomaten zusammen. Mindestens vier Menschen steigen achtlos über ihn hinweg. Eine Überwachungskamera hält fest, dass es 20 Minuten dauert, bis ein fünfter Kunde kommt, den Notruf wählt und Hilfe holt – für diesen Rentner aber leider zu spät.

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Pflege
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Mit dem Pflegestärkungsgesetz II, das ab Januar 2017 umgesetzt wird, wird die häusliche Pflege neu geordnet. Waren es bisher mindestens 14 Stunden pro Woche, die pflegende Angehörige aufbringen mussten, um Rentenansprüche für die Pflege zu erwerben, so sind es ab 1. Januar nur noch zehn. Das heißt: Mehr Menschen als bisher erhalten Rentenpunkte für häusliche Pflege.
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Menschen mit Behinderung haben es oft schwer, eine Arbeitsstelle zu finden. Denn es grassieren immer noch viele Vorurteile und Bedenken in den Köpfen der Arbeitgeber. Doch wie sollte man eigentlich mit einer Beeinträchtigung oder Behinderung im Bewerbungsschreiben und Vorstellungsgespräch umgehen? Der Sozialverband VdK gibt Antworten auf Fragen wie diese.

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Symbolfoto: Eine Statue der Justitia
In unserer Serie "So hilft der VdK" berichten wir regelmäßig über echte Fälle aus der Sozialrechtsberatung unserer VdK-Landesverbände, bei denen der VdK seinen Mitgliedern zu ihrem Recht verholfen hat. | weiter
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