23. März 2016
VdK-Zeitung

Pflegende Angehörige: „Ich kann nicht immer alles alleine schaffen“

Pflegende Angehörige stellen eigene Bedürfnisse oft zurück und überfordern sich, ohne es selbst zu merken

Die Pflege kranker Angehöriger ist eine große Herausforderung. Wer für seine Eltern, seinen Partner oder sein Kind da ist, leistet jeden Tag Großartiges. Doch der Preis ist hoch, denn oft gehen Pflegende an ihre Grenzen und darüber hinaus. Die Folgen dieser seelischen und körperlichen Überlastung können unterschiedlich sein. Das zeigen auch viele Erfahrungsberichte von VdK-Mitgliedern.

© imago/emil umdorf

Die Pflege seiner schwer kranken Frau bestimmt den Alltag von Peter Möller aus Essen (Oldenburg) in Niedersachsen. „Spätabends habe ich ein kleines Zeitfenster, das ich meist vor dem Computer verbringe“, erzählt der 50-Jährige ohne Bitterkeit in der Stimme. Jammern oder Klagen ist nicht seine Art. „In guten wie in schlechten Zeiten haben wir uns geschworen“, sagt er und meint damit das feste Band, das ihn und seine Frau Ingelore verbindet.

In die stationäre Pflege würde er die 62-Jährige mit Pflegestufe III nie geben, auch wenn sich ihr Zustand in den vergangenen Jahren sehr verschlechtert hat. Nach einem Genickbruch, der erst nach fünf Monaten zufällig entdeckt wurde, stellte sich auch noch Demenz ein. Weil Peter Möller voll für seine Frau da sein wollte, gab er seinen Beruf als Anlagenfahrer auf. „Ich habe nahezu meine gesamten sozialen Kontakte verloren, bin meist nur noch im Internet vernetzt“, beschreibt das VdK-Mitglied aus Niedersachsen seine Situation. „Dass ich mich überfordere, habe ich gar nicht gemerkt“, sagt er.

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Zum Herunterladen: Unsere Broschüre "Pflegeratgeber: Pflege geht jeden an" - Rechtslage 2015:

Ein Nachbar habe ihn schließlich darauf aufmerksam gemacht. Zu dieser Zeit litt er längst unter Rückenproblemen und psychosomatischen Störungen. Peter Möller hat es durch den Anstoß seines Nachbarn geschafft, etwas zu ändern. Er teilt sich die Pflege jetzt mit einem ambulanten Pflegedienst. Darüber hinaus nutzt seine Frau dreimal in der Woche die Tagespflege. In dieser Zeit erledigt Peter Möller Arztbesuche und Behördengänge. Derzeit läuft sein Antrag auf Erwerbsminderungsrente, dabei hilft ihm der VdK. „Ich kann nicht alles alleine schaffen“, so die Erkenntnis des 50-Jährigen.

Auch der Fall von Katharina Franke zeigt, dass Pflege mehr als nur ein Vollzeitjob ist. Ihr fünfjähriger Sohn Luca leidet an einer Nervenkrankheit. „Lange Zeit hieß es nur, dass er in seiner Entwicklung verzögert ist. Als sich dann herausstellte, dass Luca nie gesund werden wird, war ich am Boden zerstört und fiel in eine Depression“, erzählt die 28-jährige Berlinerin. Ihren Tagesablauf hat die zweifache Mutter voll auf Luca, der bis Mittag eine integrative Kita besucht, abgestimmt. „Vor allem die ständigen Auseinandersetzungen mit der Krankenkasse um Hilfsmittel sind aufreibend“, ärgert sich Katharina Franke. Zurzeit kämpfe sie für ihren Sohn um einen NF-Walker, der gehbehinderten Kindern eine selbstständige Fortbewegung ermöglicht.

Auch für Brigitte Brzeski ist die Pflege ihres demenzkranken Mannes mit vielen Kämpfen verbunden: um Hilfsmittel wie einen Bettgurt oder um eine Reha. Nach der zweiten Ablehnung schaltete die 61-Jährige aus dem Ruhrgebiet den VdK ein. „Man braucht ein gutes Netzwerk“, weiß das VdK-Mitglied.

Oft stellt die Pflege eines Angehörigen nicht nur die unmittelbare Pflegeperson, sondern die ganze Familie vor eine große Herausforderung. „Ich mache mir Sorgen um meine Mutter, die meinen Vater seit 17 Jahren pflegt“, sagt Andrea Hirtz aus Saarbrücken. Ihre 77-jährige Mutter kümmere sich den ganzen Tag um den pflegebedürftigen Mann, der nach einem Schlaganfall unter dem Locked-in-Syndrom leidet.

Er sitzt im Rollstuhl und kann sich nur mittels Gesten verständigen. „Meine Mutter liest ihm quasi alles von den Lippen ab“, berichtet VdK-Mitglied Andrea Hirtz. Sie beobachte, dass bei ihrer Mutter langsam die Kräfte schwinden. „Sie will für meinen Vater da sein und alles alleine schaffen“, beschreibt die 48-Jährige die Situation. Eine stationäre Versorgung käme deshalb nie in Frage.

In manchen Fällen wie dem von Marianne D. (Name von der Redaktion geändert) aus Rheinland-Pfalz müssen Alternativen zur häuslichen Pflege gesucht werden. Nachdem die 73-Jährige ihr ganzes Leben für ihren Sohn gesorgt hatte, der von klein auf mit einer geistigen Behinderung lebt, traf sie eine Entscheidung. „Es ist mir nicht leicht gefallen, aber die Kraft reichte nicht mehr aus“, sagt die Frau. Der Umzug des Sohnes in eine Wohnanlage für Menschen mit Behinderung hat sich als gute Entscheidung erwiesen. „Er fühlt sich dort sehr wohl“, sagt Marianne D.

Weiterlesen im Interview:

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Symbolfoto: Eine junge Hand hält die Hand einer Seniorin
Pflegende Angehörige sind einer großen Belastung ausgesetzt, sowohl körperlich als auch seelisch. Täglich stellen sie sich neuen Herausforderungen und fühlen sich oft mit ihren Problemen allein gelassen. Die Expertinnen der Online-Angehörigenberatung „pflegen-und-leben.de“ helfen, den seelischen Druck zu bewältigen, der durch häusliche Pflege entsteht. Imke Wolf, Leiterin der Online-Beratung, weiß, was pflegende Angehörige belastet. | weiter
23.03.2016 | ikl

Hintergrund

  • Nach Angaben des Statistischen Bundesamts werden fast 1,9 Millionen der 2,6 Millionen Pflegebedürftigen zu Hause versorgt. 1,25 Millionen werden allein von ihren Angehörigen gepflegt.
  • Im aktuellen DAK-Pflegereport wurden die Krankheitsdaten von 500.000 Personen ausgewertet, die Angehörige pflegen. Demnach muss jeder sechste Pflegende wegen Muskel- und Skeletterkrankungen wie Rückenschmerzen einen Arzt aufsuchen, bei nicht pflegenden Personen ist es nur jeder Zehnte. Etwa die Hälfte aller pflegenden Angehörigen leidet an psychischen Problemen wie Depressionen. Besonders belastet und oft überfordert sind Menschen, die ein an Demenz erkranktes Familienmitglied zu Hause betreuen.
  • Die meisten pflegenden Angehörigen kennen zwar die Unterstützungsangebote der gesetzlichen Pflegeversicherung wie Kurzzeit- oder Verhinderungspflege, genutzt werden sie aber nur von einer Minderheit. Besonders pflegende Angehörige, die sich selbst als „hoch belastet“ einschätzen, nehmen diese zusätzliche Angebote kaum wahr, obwohl sie eigentlich Bedarf haben. Das ergibt eine Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Als Gründe werden beispielsweise Kosten, mangelnde Erreichbarkeit oder schlechte Erfahrungen angegeben. Die am häufigsten genannte Ursache ist jedoch: Viele Pflegebedürftige wollen nicht von einer fremden Person gepflegt werden. ikl

Mehr Interessenvertretung für pflegende Angehörige:
wir pflegen e.V.

Der gemeinnützige, bundesweit agierende Verein "wir pflegen - Interessenvertretung begleitender Angehöriger und Freunde in Deutschland e.V." wurde 2008 gegründet von pflegenden Angehörigen und Menschen, die sich beruflich mit Beratung, Pflege, Lehre und Forschung befassen. Der Verein mit Hauptsitz in Berlin steht für die Interessen und Rechte pflegender Angehöriger und Freunde ein und führt unterschiedliche Organisationen und Initiativen zusammen.

Zu seinen Zielen gehört unter anderem, bestehenden lokalen und regionalen Initiativen mehr politisches Gewicht zu verleihen, pflegenden und begleitenden Angehörigen zu mehr Wertschätzung und Mitspracherecht zu verhelfen sowie vorhandene Angebote bekannter zu machen.

Mehr Infos unter www.wir-pflegen.net


VdK-TV: Entlastung für pflegende Angehörige (UT)

Welche Möglichkeiten der Entlastung gibt es für pflegende Angehörige? Was passiert, wenn der pflegende Angehörige krank wird? Und kann man Urlaub von der Pflege nehmen?

ikl

Schlagworte Pflege | pflegende Angehörige

Aktuelle Artikel im September 2016:

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Die Pflege kranker Angehöriger ist eine große Herausforderung. Wer für seine Eltern, seinen Partner oder sein Kind da ist, leistet jeden Tag Großartiges. Doch der Preis ist hoch, denn oft gehen Pflegende an ihre Grenzen und darüber hinaus. Ein Drittel von ihnen wird selbst krank. Dass sie Anspruch auf eine stationäre Reha-Maßnahme haben, wissen die wenigsten.

Hier finden Sie die Artikel aus unserer Reihe "So hilft der VdK":

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In unserer beliebten Serie "So hilft der VdK" berichten wir in der VdK-Zeitung regelmäßig über echte Fälle aus der Sozialrechtsberatung unserer VdK-Landesverbände. | weiter
19.09.2016
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Unsere Pressemitteilungen informieren bundesweit über wichtige Forderungen, Positionen, Ziele und Termine des Sozialverbands VdK.
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Das VdK-Internet-TV ist das Videoportal des Sozialverbands VdK. Unter www.vdktv.de finden Sie mehr als 100 spannende und informative Filmbeiträge rund um die Themen des Verbands, zum Beispiel zu Rente, Pflege, Behinderung, Gesundheit, Leben im Alter, Arbeitsmarkt und viele mehr!
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Journalisten finden hier Hintergrundinformationen und Logos zum VdK Deutschland sowie Pressefotos und eine Vita der VdK-Präsidentin.
VdK-Zeitung
Foto einer VdK-Zeitung von Juli / August 2016
Die VdK-Zeitung erscheint zehnmal pro Jahr. Mit einer Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren gehört sie zu den größten Mitgliederzeitungen bundesweit. Die überregionalen Artikel der VdK-Zeitung können Sie jeden Monat kostenlos hier lesen.