24. Februar 2016
VdK-Zeitung

Das feine Gespür, das Leben retten kann

Seit zehn Jahren spezialisieren sich blinde Frauen darauf, frühzeitig Tumore der Brust zu ertasten

Besondere Begabung statt Behinderung: Das nordrhein-westfälische Unternehmen Discovering Hands (zu Deutsch: entdeckende Hände) engagiert sich seit 2005 dafür, dass stark sehbehinderte oder blinde Frauen zu professionellen Medizinischen Tastuntersucherinnen (MTU) ausgebildet werden, die Erkrankungen der Brust frühzeitig erkennen können. Die Kosten für die Vorsorgeuntersuchung von 46,50 Euro werden bislang von zwölf Krankenkassen übernommen.

Eine halbe Stunde lang untersucht eine Medizinische Tasterin die Brust. Zentimeter für Zentimenter. Fünf Klebestreifen funktionieren wie ein Koordinatensystem und sind für die Ortung des Befunds wichtig. | © Discovering Hands

Ein Lächeln spielt um ihre Mundwinkel, dazu eine frech geschnittene Ponyfrisur – Andrea Windbichler ist eine fränkische Frohnatur. Außerdem strahlt die junge Frau eine angenehme Ruhe aus. Eigenschaften, die sie in ihrem Job in einer Frauenarztpraxis in der Erlanger Innenstadt brauchen kann. Denn wer zur Brustkrebsvorsorge geht, bringt Ängste mit. „Ich spüre es, wenn die Patientin angespannt ist. Die Stimmung kann ich aber schnell auflockern“, versichert die 32-Jährige. Ihre Stelle verdankt sie ausgerechnet einer Behinderung: Die Fränkin ist von Geburt an blind. Dadurch ist sie viel mehr als Sehende auf den Tastsinn angewiesen – eine Fähigkeit, die in der Brustkrebsfrüherkennung lebensrettend sein kann. Jeden Tag untersucht sie mit viel Fingerspitzengefühl das Brustgewebe von bis zu acht Patientinnen. Frauen aus ganz Bayern vertrauen sich ihr an. Bundesweit beherrschen nur 25 sehbehinderte Frauen diese spezielle Tast-Methode. Eine Diagnose dürfen die MTUs übrigens nicht stellen. Das übernimmt der behandelnde Arzt, der bei einem auffälligen Befund das weitere Vorgehen mit der Patientin bespricht.

Ein Fernsehbeitrag über die Initiative Discovering Hands kam für Andrea Windbichler wie gerufen. „2009 war ich gerade arbeitslos, hatte kein eigenes Einkommen.“ Und das, wo sie sich auch noch um ihren kleinen Sohn kümmern musste, der wie seine Mama blind ist. Davor hatte die junge Mutter einen Bürojob als Telefonistin und Schreibkraft. Höchste Zeit, beruflich wieder auf die Beine zu kommen. Gleich am nächsten Tag bewarb sich die damals 26-Jährige. Nach dem bestandenen Eignungstest ging's los: Am Bildungszentrum für Sehbehinderte und Blinde in Nürnberg hat sie sich 2010 zur Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) ausbilden lassen. Neun Monate lang schulte sie ihren Tastsinn, um künftig kleinste Gewebeveränderungen von nur wenigen Millimetern Durchmesser in der Brust aufspüren zu können. Dass dafür auch ein fundiertes medizinisches Fachwissen verlangt wird, war der Tast-Schülerin klar. Den Lehrgang zu meistern und gleichzeitig Familie und Haushalt zu wuppen, war hingegen eine Herausforderung. „Aber ich habe es geschafft, und bin froh, dass ich über meinen Schatten gesprungen bin“, betont die Erlangerin.

Ärzte unter Zeitdruck

Das Unternehmen Discovering Hands hat Dr. Frank Hoffmann aus Duisburg gegründet. Der Gynäkologe wollte die Brustkrebsvorsorge in der Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen verbessern, für die seit 2005 als einzige Früherkennungsmaßnahme die Brusttast-Untersuchung vorgesehen ist. Als niedergelassener Frauenarzt kennt er allerdings ein Problem nur zu gut: „Ärzte haben für das Abtasten der Brust zu wenig Zeit.“ Wer sonst sollte diese Aufgabe übernehmen? Am besten Menschen, die über einen ausgeprägten Tastsinn verfügen, überlegte der Arzt. Die Idee, blinde Frauen für eine optimierte, umfangreiche Tast-Diagnostik fit zu machen, lag für ihn auf der Hand.

Die MTUs nehmen sich mindestens 30 Minuten Zeit für die Untersuchung.Discovering Hands ist für beide Seiten ein Gewinn – für die MTUs und für die Patientinnen“, weiß der Mediziner. „Die Behinderung wird zur Begabung gemacht, die im besten Fall Leben rettet.“ Und: Menschen mit Behinderung bekommen die Chance, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Hoffmann möchte mehr Frauen zur Ausbildung motivieren: „Wir haben Bedarf an Bewerberinnen.“ Sein Ziel: Die Methode flächendeckend anbieten zu können. MTUs stehen bislang in sieben Bundesländern zur Verfügung.

Seit fünf Jahren unterstützt Andrea Windbichler das Team in der Praxis von Dr. Madeleine Haas. Die Frauenärztin hatte zuvor noch nie eine Mitarbeiterin mit Behinderung. „Andrea ist ein Glücksfall. Sie ist sehr engagiert und selbstständig“, lobt die Chefin. Und: „Ihr gelingt es sogar, die Hemmungen besonders ängstlicher Frauen abzubauen und diese zu ermutigen, öfters zur Brustkrebsvorsorge zu gehen.“ (ant)

Hintergrund

Jährlich erkranken in Deutschland 70.000 Frauen an Brustkrebs. Je früher er erkannt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Frauen, die sich über die Tast-Diagnostik durch blinde MTUs informieren möchten, wenden sich an Discovering Hands, Wiesenstraße 35, 45473 Mülheim an der Ruhr, Telefon (02 08) 37 58 34 99, E-Mail an office@discovering-hands.de

Weitere Infos im Internet unter www.discovering-hands.de


Interview: Jeder soll seine Fähigkeiten einbringen

Bundesbehindertenbeauftragte und VdK-Mitglied Verena Bentele erklärt, weshalb sie die Initiative von Discovering Hands befürwortet.

VdK-Zeitung: Was macht Discovering Hands zu einem Vorzeigeprojekt?

Verena Bentele: Überzeugend finde ich vor allem, dass es allen nützt. Die untersuchten Frauen können mit einem Stück mehr Sicherheit nach Hause gehen. Die blinden Tasterinnen können ihre Fähigkeiten optimal einbringen und in einem inklusiven Team arbeiten.

VdK-Zeitung: Haben Blinde mehr Fingerspitzengefühl als Sehende?

Bentele: Man kann nicht pauschal sagen, dass blinde Menschen besser fühlen oder hören können. Was jedoch sicher stimmt, dass die Sinne besser trainiert sind. Wenn alles über das Tasten im Alltag organisiert wird, wenn die Orientierung und Kommunikation über das Gehör laufen, dann wird einerseits das Gehirn trainiert, andererseits gelingt es dann auch leichter, sich in einem bestimmten Moment zu fokussieren.

VdK-Zeitung: Inwiefern treibt das Projekt die Inklusion voran?

Bentele: In meinen Augen bedeutet Inklusion vor allem, dass alle Menschen gleichberechtigt teilhaben, dass aber auch jede und jeder seine spezifischen Fähigkeiten einbringen kann. Die Tasterinnen, die von Discovering Hands ausgebildet werden, arbeiten anschließend in gynäkologischen Arztpraxen oder medizinischen Zentren gemeinsam mit nichtbehindertem Personal. Daher wird der Inklusionsgedanke meines Erachtens auf gute Weise vorangebracht. } (Interview: ant)


Brustkrebs: Infos in Leichter Sprache

Auch Menschen mit Lernschwierigkeiten oder eingeschränkter Lesefähigkeit sollen über eine Brustkrebserkrankung gut informiert sein, damit sie aktiv am Heilungsprozess mitwirken können. Deshalb hat die Sächsische Krebsgesellschaft eine Patienten-Broschüre in Leichter Sprache herausgegeben.

Ziel der wissenschaftlichen Fachgesellschaft ist es, über Krebserkrankungen aufzuklären, um so die Früherkennung und rechtzeitige Behandlung zu fördern. Die Broschüre „Brustkrebs – Ein Patientenheft in Leichter Sprache“ kann auf der Webseite der Gesellschaft unter
www.skg-ev.de/broschueren.html kostenlos bestellt werden.

Nähere Infos erteilt die Beratungsstelle der Sächsischen Krebsgesellschaft unter Telefon (0375) 28 14 05. Zudem gibt es vier Broschüren in Leichter Sprache zu weiteren Krebserkrankungen – ein Angebot, das die Krebsgesellschaft ausbauen will.

Infos zu Brustkrebserkrankungen in Leichter Sprache gibt es auch auf der Webseite www.krebsportal-sachsen.de (ali)

Schlagworte Brustkrebs | MTU | blind | Tastsinn | Vorsorgeuntersuchung | Discovering Hands | Medizinische Tastuntersucher

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