24. Juni 2015
VdK-Zeitung

Armut in Deutschland hat viele Gesichter

15,5 Prozent der Bevölkerung werden von Wohlstand und Entwicklungschancen nicht erreicht

Wer bedürftig ist, dem fehlt es nicht nur an Geld. Vor allem bedeutet Armut fehlende Teilhabe. Der Sozialverband VdK fordert weitreichende Maßnahmen zur Armutsprävention. Dies ist ein Gebot der Chancengleichheit.

1,6 Millionen Kinder leben in Familien, die Grundsicherung beziehen. Viele bleiben ihr Leben lang abgehängt. | © Imago/imagebroker

Wenn in Deutschland ein Alleinlebender weniger als 892 Euro im Monat zur Verfügung hat, gilt er als armutsgefährdet. 15,5 Prozent beträgt die Armutsquote bundesweit. Diese Zahlen aus dem „Armutsbericht 2014“ hat der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband kürzlich vorgelegt und beruft sich auf die gängige Formel, wonach die Armutsschwelle bei 60 Prozent des mittleren Einkommens liegt. Die Studie hat eine hitzige Debatte ausgelöst: Kann es im wohlhabenden Deutschland so viel Armut geben?

Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, hält den Bericht für realistisch. „Armut ist eben nicht immer sichtbar“, sagt sie. Nicht nur, wer sich an den Tafeln mit Lebensmitteln versorgt oder gar auf der Straße leben muss, sei arm. „Zur Armut gehört oft der komplette Rückzug bis hin zur Einsamkeit, also die fehlende Teilhabe an der Gesellschaft.“ Ein Befund des Armutsberichts ist nach Auffassung des VdK besonders alarmierend: Zwischen 2009 und 2013 wuchs die Armutsquote der Rentner viermal stärker als die der Gesamtbevölkerung. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht, so die Studienautoren. Altersarmut werde zum „sozialen Großrisiko“, dem von der Politik nichts entgegengesetzt werde.

„Auch Familienarmut gilt es zu bekämpfen“, sagt Mascher. 1,6 Millionen Kinder unter 15 Jahren leben in Hartz-IV-Familien. Und deren Zahl steigt weiter. Viele schaffen es nicht, der Armut zu entkommen. Laut dem Deutschen Jugendinstitut fallen mittlerweile 20 .000 junge Menschen komplett durchs Raster. Gerade im sensiblen Übergang zur Volljährigkeit werden sie von der Jugendhilfe nicht mehr erfasst und von anderen Hilfsangeboten nicht erreicht. „Wir können es uns als das Land mit der weltweit niedrigsten Geburtenrate nicht leisten, auf diese Jugendlichen zu verzichten, nur weil sich niemand zuständig fühlt“, appelliert Mascher an die Bundesregierung. Sie fordert eine Vernetzung staatlicher Stellen und eine bessere Schulung der Fachkräfte in den Jobcentern, wo diese jungen Menschen irgendwann landen.

Kritik an Deutschland wegen der mangelhaften Gesundheitsversorgung armer Kinder kommt vom UN-Ausschuss für Kinderrechte. Chronische Krankheiten, unbehandelte Zahnerkrankungen wie Karies, Fehlernährung und psychische Auffälligkeiten treten bei Kindern aus Familien mit Grundsicherungsbezug häufiger auf als in finanziell besser gestellten Schichten. Diese Benachteiligungen müssen durchbrochen werden, fordert der VdK. Etwa mithilfe flächendeckender Gesundheitsprogramme in Schulen und Kindertageseinrichtungen.

Das „Bündnis für ein menschenwürdiges Existenzminimum“, dem auch der Sozialverband VdK angehört, warnt zudem vor wachsender „Energiearmut“. Immer mehr Haushalten wird der Strom abgestellt. Die Kosten für Strom und Warmwasser sind in den Regelsätzen eines Grundsicherungsempfängers
28 Euro zu niedrig angesetzt. Auch für Wohngeldbezieher stellen die hohen Energiekosten eine große Belastung dar.

„Wenn an Strom und Heizung gespart werden muss, ist das eine unzumutbare Härte für Kinder, Pflegebedürftige, Menschen mit Behinderung und Hochbetagte, die oft einen Großteil ihres Tages in der Wohnung verbringen“, kritisiert VdK-Präsidentin Mascher. Sie fordert daher die Einführung von Sozialtarifen und die Anhebung der Regelsätze, sodass diese die tatsächlichen Preissteigerungen der Energiekosten berücksichtigen.Auch die Einmalleistungen müssten wieder eingeführt werden, damit energiesparende Haushaltsgeräte angeschafft werden können.

Dr. Bettina Schubarth

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