19. Mai 2015
VdK-Zeitung

Auf gute Nachbarschaft – Die neue Lust auf Nähe

Viele Menschen, die Tür an Tür wohnen, helfen sich gegenseitig und profitieren im Alltag von diesem Netzwerk

Zu einem intakten Wohnumfeld gehören auch Menschen, von denen man mehr weiß als den Namen auf dem Klingelschild. Gute Nachbarschaften sind für viele Menschen – gerade für Alleinlebende und Ältere – ein wichtiger Standortfaktor. Sie können wie eine Familie sein, in der man sich sicher und geborgen fühlt.

Eine harmonische Nachbarschaft - nicht nur wichtig für den netten Plausch am Gartenzaun oder um sich gegenseitig auszuhelfen, wenn etwas fehlt | © Imago/Ralph Peters

Wohin mit dem Hund, wenn Frauchen in den Urlaub fährt und der Hundesitter nicht kann? Wo kriegt man auf die Schnelle noch eine Bohrmaschine her? Und wer nimmt das Paket entgegen, wenn man auf der Arbeit ist?

Der Weg zum Nachbarn wäre der naheliegendste. Doch eine lebendige Nachbarschaft ist in Deutschland nicht überall gelebter Alltag, vor allem nicht in der Großstadt. Jeder zweite Mieter in Deutschland kennt seinen Nachbarn nicht, hat eine Umfrage der Technischen Universität Darmstadt aus dem vergangenen Jahr ergeben. Dabei liegt in guten Nachbarschaften eine große Chance: Menschen können miteinander reden und einander helfen. Alleinlebende haben gleich nebenan Ansprechpartner und pflegen soziale Kontakte. Das alles kann funktionieren, vorausgesetzt, Menschen gehen aufeinander zu statt aneinander vorbei und lernen sich besser kennen.

So wie in der nordrhein-westfälischen Stadt Neukirchen-Vluyn. Dort ist eine handwerkliche Nachbarschaftshilfe entstanden. Glühbirnen wechseln, Stühle reparieren, Leisten kleben oder die Vermittlung von günstigen Möbeln aus dem „sozialen Kaufhaus“ – die Initiatoren Jürgen Gratz und Joachim Detering finden für fast alles eine schnelle, unkomplizierte Lösung. „Wir sind alle im Ruhestand und haben Zeit, die wir gerne investieren, um unseren Nachbarn zu helfen“, erklärt Gratz. In Zweierteams sind sechs Ehrenamtliche seit 2011 bei hilfebedürftigen Nachbarn unterwegs, um kleinere Reparaturen ausführen. Damit die Hilfe auch die richtigen Personen erreicht, werden Anfragen im Vorfeld eingehend geprüft. Dann können Gratz und seine Kollegen loslegen.

Wie Gemeinschaften wie diese in Nordrhein-Westfalen konkret gelebt werden, zeigt die Initiative „Netzwerk Nachbarschaft“. Sie prämiert jedes Jahr die besten Nachbarschaftsaktionen. Die sind so unterschiedlich wie die über 100.000 Teilnehmenden selbst: In der mecklenburgischen Kleinstadt Stavenhagen gestalten beispielsweise Nachbarn ein Mosaik für ihren Marktplatz. Nachbarn in Bremen schreiben zusammen einen Kriminalroman, in München verwandeln Aktive öffentliche Beete in eine „essbare Stadt“, und in Hamburg öffnen Nachbarn ihre Balkone für Theatervorstellungen.

„Nachbarschaft ist eine Ressource, die im schlechtesten Fall ungenutzt bleibt, im Idealfall Wahlverwandtschaft und Familienersatz sein kann“, so Erdtrud Mühlens, die das bundesweite Aktionsbündnis im Jahr 2004 gründete. Ihre Erfahrungen: Immer mehr sehen die Nähe zueinander als Chance. 180.000 Nachbarn in rund 1700 Initiativen sind im Netzwerk aktiv und geben sich Anregungen. „Wer gemeinsam etwas anpackt und bewegt, tut es immer wieder“, ist die 62-Jährige überzeugt.

Mit zunehmendem Alter werde auch der nachbarschaftliche Zusammenhalt immer wichtiger. „Wo sich Nachbarn gegenseitig unterstützen, hat Vereinsamung keine Chance“, so Mühlens. Zudem würden Nachbarn als Sicherheitsnetz immer wichtiger. Denn selbst große Herausforderungen wie der demografische Wandel können am besten im eigenen Umfeld angepackt werden, glaubt sie. Zuverlässige Beziehungen und gut organisierte Nachbarschaftshilfe ermöglichen es vor allem Älteren, länger in der vertrauten Wohnung zu bleiben. Gute Nachbarschaft sei ein Prozess und kann zum Hilfesystem wachsen, quer durch alle Altersgruppen und sozialen Schichten. Das schaffe für alle Beteiligten letztlich mehr Lebensqualität.

VdK INTERNET-TV

VdK-TV

Ein Film über gute Nachbarschaft ist im VdK-TV, dem Videoportal des Sozialverbands VdK, unter www.vdktv.de abrufbar.

Info

Das „Netzwerk Nachbarschaft“ und die AOK Rheinland/Hamburg suchen für ihr gemeinsames Projekt „Gesunde Nachbarschaften“ engagierte Menschen, die ihre älteren Mitbewohner unterstützen, mobil und gesund im Wohnumfeld zu leben. Mehr Informationen dazu unter
www.aok-gesunde-nachbarschaften.de.

Allgemeine Infos zum „Netzwerk Nachbarschaft“ unter
www.netzwerk-nachbarschaft.net

ikl

Schlagworte Nachbarn | Nachbarschaft | Netzwerk | Kontakte | Wohnen

Aktuelle Artikel im September 2016:

VdK-Zeitung
Gruppenfoto der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Wanderung des VdK in Kassel
„Weg mit den Barrieren!“ fordern VdKler von der Küste bis zu den Bergen – mit Erfolg! Unzählige Ortsbegehungen, Großveranstaltungen und Mitmach-Aktionen in allen 13 VdK-Landesverbänden haben im vergangenen halben Jahr Politik und Bevölkerung wachgerüttelt. Wie die Beispiele aus den Landesverbänden zeigen, sind noch viele Hürden einzureißen.
VdK-Zeitung
Symbolfoto: Schatten von gehenden Menschen auf dem Straßenpflaster
Erwerbsminderungsrentner werden mit ungerechten Abschlägen bestraft und rutschen unter das Existenzminimum: Krank zu werden, sucht sich keiner aus. Doch wer aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kann, wird gleich doppelt bestraft. Denn viele, die eine Erwerbminderungsrente beziehen, müssen zusätzlich von Grundsicherung leben.

VdK-Zeitung
Symbolfoto: Vier Seniorinnen und Senioren gemeinsam am Küchentisch
Roter Lippenstift statt Fettcreme, Rolling Stones statt Volksmusik – in einer Münchner Wohngemeinschaft für Demenzkranke keine Ausnahme. Das Projekt des Vereins Carpe Diem legt auf die individuellen Bedürfnisse der Bewohner genauso großen Wert wie auf eine gute Gemeinschaft. Dafür sorgt ein Team aus Betreuern, Pflegern und Angehörigen. Letztere sind für die Organisation und Verwaltung verantwortlich.
VdK-Zeitung
Symbolfoto: Älterer, pflegebedürftiger Mann liegt im Bett. Am Bett sitzt seine Frau, den Kopf erschöpft in die Hände gestützt.
Die Pflege kranker Angehöriger ist eine große Herausforderung. Wer für seine Eltern, seinen Partner oder sein Kind da ist, leistet jeden Tag Großartiges. Doch der Preis ist hoch, denn oft gehen Pflegende an ihre Grenzen und darüber hinaus. Ein Drittel von ihnen wird selbst krank. Dass sie Anspruch auf eine stationäre Reha-Maßnahme haben, wissen die wenigsten.

Hier finden Sie die Artikel aus unserer Reihe "So hilft der VdK":

VdK-Zeitung
Symbolfoto: Eine Statue der Justitia
In unserer beliebten Serie "So hilft der VdK" berichten wir in der VdK-Zeitung regelmäßig über echte Fälle aus der Sozialrechtsberatung unserer VdK-Landesverbände. | weiter
19.09.2016
VdK-Pressemeldung
Foto: Ulrike Mascher bei einer Pressekonferenz
Unsere Pressemitteilungen informieren bundesweit über wichtige Forderungen, Positionen, Ziele und Termine des Sozialverbands VdK.
Presse
Symbolfoto: Eine Kamera filmt die VdK-Präsidentin
Das VdK-Internet-TV ist das Videoportal des Sozialverbands VdK. Unter www.vdktv.de finden Sie mehr als 100 spannende und informative Filmbeiträge rund um die Themen des Verbands, zum Beispiel zu Rente, Pflege, Behinderung, Gesundheit, Leben im Alter, Arbeitsmarkt und viele mehr!
Presse
Symbolfoto: Eine Fotokamera
Journalisten finden hier Hintergrundinformationen und Logos zum VdK Deutschland sowie Pressefotos und eine Vita der VdK-Präsidentin.
VdK-Zeitung
Foto einer VdK-Zeitung von Juli / August 2016
Die VdK-Zeitung erscheint zehnmal pro Jahr. Mit einer Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren gehört sie zu den größten Mitgliederzeitungen bundesweit. Die überregionalen Artikel der VdK-Zeitung können Sie jeden Monat kostenlos hier lesen.