26. Februar 2015
VdK-Zeitung

So hilft der VdK: Sozialamt muss inklusiven Hort zahlen

VdK Hessen-Thüringen erstreitet Kostenübernahme für Nachmittagsbetreuung eines Jungen mit Behinderung

Ganztagsschulen, an denen Kinder mit und ohne Behinderung lernen und nachmittags im Hort betreut werden, gibt es noch viel zu selten. Gerade für berufstätige Eltern ist es schwer, geeignete Angebote zu finden. Familie L. (Namen von der Redaktion geändert) aus Hessen musste für ihren Sohn Patrick deshalb zusätzlich einen Privathort in Anspruch nehmen. Der VdK Hessen-Thüringen erstritt für die Familie die volle Kostenübernahme durch das Sozialamt.

Eine inklusive Nachmittagsbetreuung im Hort wird noch nicht überall angeboten. | © Imago/Peter Widmann

Der zehnjährige Patrick, der ko­g­nitiv beeinträchtigt und in seiner Entwicklung verzögert ist, geht in eine inklusive Grundschule und nachmittags in den Hort. Eine geeignete Nachmittagsbetreuung zu finden, war für die berufstätigen Eltern sehr schwierig. Denn in der Schule wurde nach dem Unterricht nur eine Stunde Betreuung angeboten. Zu wenig für Patrick. Deshalb mussten sich die Eltern nach einem ergänzenden Angebot umschauen und zusätzlich auf einen Privathort zurückgreifen. Für den Zehnjährigen eine gute Entscheidung, denn anders als die Schule liegt der Hort in seinem Wohngebiet. Viele Kinder kennt Patrick aus der Nachbarschaft und noch aus seiner Kindergartenzeit. „Anders als andere Kinder braucht unser Sohn feste Strukturen im Alltag. Gewohnte Ansprechpartner und ein Umfeld, in dem er sich wohlfühlt, sind für ihn sehr wichtig“, erklärt Mutter Franziska L.

Doch die Freude der Familie, die passende Nachmittagsbetreuung für Patrick gefunden zu haben, währte nicht lange. Während das Sozialamt für das erste Jahr noch die vollen Kosten für den Hort übernahm, kürzte es danach ein Viertel der Übernahmepauschale. Begründung: Es seien keine zwei Hortplätze finanzierbar. Außerdem hatte das Amt eine tatsächliche Betreuungszeit von drei statt der vorgegebenen vier Stunden errechnet.

Für Franziska L. eine nicht nachvollziehbare Entscheidung, denn ihrer Meinung nach hat ihr Sohn das gleiche Recht auf eine Nachmittagsbetreuung wie andere Kinder auch. „Und wenn die Schule dies nicht bietet, ist man gezwungen, eine Alternative zu finden“, so die Hessin. Weil ihr Alltag ohne die komplette Nachmittagsbetreuung für Patrick nicht funktionieren würde, zahlte die Familie das vom Sozialamt eingesparte Viertel der Kosten notgedrungen aus eigener Tasche. Sie legte jedoch Widerspruch gegen den Bescheid des Sozialamts für das zweite und dritte Schuljahr ein. Nach Ablehnung des Widerspruchs für das zweite Schuljahr beantragte die Familie die erneute Überprüfung dieses Bescheids und holte sich dazu Hilfe beim VdK Hessen-Thüringen.

Dimitar Mitev, Juristischer Referent beim VdK Hessen-Thüringen, stellte fest, dass die Rechnung des Sozialamts nicht aufging. Auf drei Stunden Betreuungszeit kommt Patrick nämlich in 36 Wochen pro Jahr. Die Ferienzeit wurde vom Amt nicht mit eingerechnet, und so ergab sich eine tatsächliche Betreuungszeit von 4,375 Stunden. Zudem fällt die einstündige Betreuung in der Schule nicht unter Hortbetreuung, sondern unter die sogenannte erste Eingliederungshilfe, stellte Mitev in seiner Widerspruchsbegründung gegen den Bescheid des Sozialamts fürs dritte und in seinen Überprüfungsanträgen fürs zweite und vierte Schuljahr klar.

Das Sozialamt gab dem VdK Recht und übernahm die vollen Kosten für den Privathort rückwirkend ab August 2012, insgesamt mehr als 12 000 Euro. Für Familie L. eine große Entlastung. „Ohne den VdK hätten wir das sicher nicht geschafft und wären irgendwann an unsere Grenzen gekommen“, ist sich Franziska L. sicher.

  • Inklusion in der Schule bedeutet, dass Kinder mit und ohne Förderbedarf in einer Klasse unterrichtet werden. Das nennt man auch Gemeinsames Lernen. Der Förderbedarf bezieht sich dabei nicht nur auf Kinder mit geistiger oder körperlicher Behinderung, sondern auch auf Kinder mit einer chronischen Erkrankung oder mit einem besonderen Förderbedarf beim Lernen.
  • Mit der Ratifizierung der UN-­Behindertenrechtskonvention am 26. März 2009 hat sich Deutschland auf die Inklusion in der Schule verpflichtet.

ikl

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