22. Oktober 2014
VdK-Zeitung

Eine genau formulierte Patientenverfügung ist sicher

Experten-Tipp: Bei den wichtigen Themen Patientenwille und Vorsorgevollmacht sollten sich Betroffene beraten lassen

Vor einem schweren Schicksalsschlag ist niemand gefeit. Eine Patientenverfügung ist eine wichtige Richtschnur für Ärzte, wenn der Betroffene seine Wünsche nicht mehr selbst äußern kann. Werden die Interessen jedoch zu allgemein formuliert, hilft dies den Medizinern im Ernstfall nicht weiter. Zudem sollten Betroffene ihre Vorstellungen überdenken, wenn sich die aktuelle Lebenssituation geändert hat. Legt der geliebte Mensch seinen Patientenwillen zuvor fest, entlastet er seine Angehörigen. Denn sie müssen weniger quälende Entscheidungen treffen.

© Imago/imagobroker

Wie geht es weiter, wenn ein Familienmitglied plötzlich nicht mehr in der Lage ist, seinen Willen anderen verständlich zu machen? Schwerwiegende Fragen sind zu klären, etwa wer seine Angelegenheiten nun regelt, welche Behandlung der Patient wünscht und wo für ihn dabei die Grenzen liegen. Wurde zuvor in der Familie nie darüber gesprochen, sind Angehörige überfordert, weiß Dr. Kurt Schmidt, Leiter des Zentrums für Ethik in der Medizin am Agaplesion Markus Krankenhaus in Frankfurt am Main. Gemeinsam mit seinem Team berät der Theologe in der Klinik Angehörige, Ärzte und Pflegekräfte und weiß aus Erfahrung, dass Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht sehr wichtige Dokumente sind, wenn es darum geht, in Gesundheitsfragen selbstbestimmt zu bleiben. "Beides zusammen ist eine große Entscheidungshilfe."

Hürden beim Formulieren

In der Patientenverfügung hält der Betroffene schwarz auf weiß fest, mit welchen Therapien er einverstanden ist und welche er ablehnt. Im September 2009 ist in Deutschland das Patientenverfügungsgesetz in Kraft getreten. Seitdem sind die Patientenwünsche für Ärzte und Angehörige verbindlich, unabhängig davon, welche Krankheit vorliegt und welches Stadium sie erreicht hat.

Voraussetzung ist jedoch, dass der Wille verständlich und konkret dargelegt wird. Dass dem oft nicht so ist, kann Kurt Schmidt aus dem Klinikalltag berichten. "Am Agaplesion Markus Krankenhaus bieten wir deshalb Seminare an, in denen die Teilnehmer erfahren, worauf sie achten sollten." Unterschiedliche Fachreferenten, etwa aus dem Bereich der Onkologie, Geriatrie oder der Intensiv- und Palliativmedizin, geben Einblicke in bestimmte Erkrankungen, die in einer Patientenverfügung berücksichtigt werden können.

Im Seminar werden vor allem typische Missverständnisse ausgeräumt. Ein häufiger Fehler: Die Patientenverfügung wird nicht der aktuellen Erkrankung angepasst. "Beizeiten sollte man deshalb die Fassung überprüfen und auf den neuesten Stand bringen", rät Kurt Schmidt. "Zudem machen sich viele Betroffene nicht klar, dass sich die Patientenverfügung an Fachärzte richtet", betont der Theologe.

Deshalb helfen allgemein gehaltene Äußerungen wie "in Würde zu sterben" den Medizinern nicht weiter. Vorgefertigte, konkrete Formulare bieten zwar den Vorteil, dass sie viele verschiedene Behandlungsmöglichkeiten abdecken. Der Haken daran wiederum ist, dass die medizinischen Details für Laien schwer zu durchschauen sind. "Damit eine Patientenverfügung ihr Ziel nicht verfehlt, sollten sich Arzt und Patient im Vorfeld unbedingt zusammensetzen", rät Dr. Schmidt.

Wenn sich ein Angehöriger nicht mitteilen kann, ist die erste Frage des behandelnden Arztes im Krankenhaus, wer die rechtliche Vertretung übernimmt. Laut einer Umfrage des Forsa-Instituts glauben 65 Prozent der Deutschen, dass die nächsten Verwandten automatisch Entscheidungen für sie treffen dürfen, wenn sie dazu selbst nicht in der Lage sind. Doch das ist ein Irrtum. Nur, wer zuvor in einer Vorsorgevollmacht schriftlich eine Vertrauensperson bestimmt hat, stellt sicher, dass diese die Gesundheitsangelegenheiten stellvertretend regelt. Fehlt das Dokument, bestellt das Betreuungsgericht einen rechtlichen Betreuer. Diese Aufgabe kann ein Ehrenamtlicher übernehmen, beispielsweise ein Angehöriger, oder ein Berufsbetreuer springt ein.

"Die Vorsorgevollmacht ist für jeden volljährigen Bürger relevant", betont Kurt Schmidt. Obwohl sich mithilfe einer Vollmacht bürokratische Wege und zeitraubende gerichtliche Verfahren ersparen lassen, hat nach der Forsa-Studie nur jeder vierte Bürger hierzulande eine Vollmacht erteilt. Eine Vorsorgevollmacht muss grundsätzlich nicht von einem Notar beurkundet oder beglaubigt werden.

Sich nicht überfordern

Sich zum ersten Mal mit dem Ernstfall auseinanderzusetzen, kostet Überwindung, weiß Schmidt. Er gibt den Tipp, sich nicht zu überfordern. Seine Faustregel lautet: "Zuerst Vorsorgevollmacht, dann Patientenverfügung." Es ist sinnvoll, zunächst eine nahestehende Person zu wählen, die sich zutraut, solch wichtige Entscheidungen zu treffen. Wer bereit ist, den Willen eines anderen zu vertreten, übernimmt nämlich eine verantwortungsvolle Aufgabe.

Die Vollmacht kann darüber hinaus auch andere Themen wie Vermögen, Behördengänge, Vertretung vor Gericht, Wohnungsangelegenheiten sowie Post- und Fernmeldeverkehr umfassen. Kurt Schmidt möchte unsicheren Menschen den Entscheidungsdruck nehmen: "Es ist schon ein großer Schritt getan, wenn zuerst einmal ein Stellvertreter für Gesundheit und Pflege gefunden wurde." Danach kann man sich um den Patientenwillen Gedanken machen und dem Bevollmächtigten die eigenen Werte und Wünsche mitteilen. Auch der Ort, wo das Dokument abgelegt ist, muss der Vertrauensperson bekannt sein.

Hilfe für Ratsuchende

Ein Ratgeber-Film auf DVD („Wie erstelle ich meine Patientenverfügung“) des Zentrums für Ethik in der Medizin kann für fünf Euro Schutzgebühr (zuzüglich drei Euro Porto) bestellt werden bei:
Silke Nelles-Kellner, Ver­anstaltungsbüro Agaplesion Markus Krankenhaus, Wilhelm-Epstein-Straße 4, 60431 Frankfurt, Telefon (0 69) 95 33-46 26, E-Mail silke.nelles@fdk.info

Der VdK Niedersachsen-Bremen bietet die Broschüre "Ein Augenblick kann alles ändern - Vorsorge für den Ernstfall" an, in der es um Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung geht. Die Broschüre kostet 3 Euro und kann auf der Website des Landesverbands bestellt werden:

Patientenverfügung und weitere Dokumente


Zum Thema:

VdK-TV: Selbstbestimmt vorsorgen durch Patientenverfügung

Eine schwere Krankheit oder ein Unfall kann jeden treffen. Deswegen ist es sinnvoll sich zu überlegen, was in einem solchen Fall geschehen soll, bevor es soweit ist und dies in einer Patientenverfügung festzuhalten.

VdK-TV: Vorsorgevollmacht (UT)

Wenn man selbst nicht mehr in der Lage ist, seine Angelegenheiten zu regeln, ist es gut, wenn man jemanden hat, der dies für einen übernimmt. Doch wenn es um finanzielle Dinge oder Verträge geht, ist dies ohne Vorsorgevollmacht nicht so ohne Weiteres möglich.

ant

Schlagworte Patientenverfügung | Vollmacht | Vorsorgevollmacht

Aktuelle Artikel im Oktober 2016:

VdK-Zeitung
Symbolfoto: Rentnerfigürchen und das Wort "Flexirente" aus Buchstabenwürfeln, dahinter ein Maßband mit Zahlen
Und wieder gibt es ein gut klingendes Wort in der Rentenpolitik: die "Flexi-Rente". Nach der "Lebensleistungsrente" legt die Bundesregierung damit ein weiteres Konzept auf den Tisch, das nach Meinung des Sozialverbands VdK den realen Bedingungen des Älterwerdens in Deutschland nicht gerecht wird. Der VdK fordert Verbesserungen, damit mehr Menschen gesund und länger arbeiten können.
VdK-Zeitung
Symbolfoto: Jemand tippt auf einer PC-Tastatur auf eine Taste "Jetzt teilnehmen"
Bitte mitmachen: Zwischen dem 4. und dem 28. Oktober 2016 läuft eine Umfrage des Sozialverbands VdK. Die Umfrage soll uns helfen, das Image und die Bekanntheit des Sozialverbands VdK besser einzuschätzen. Mit den Ergebnissen wollen wir noch gezielter unsere Arbeit gestalten, sowohl in der Sozialrechtsberatung und der Ehrenamtsarbeit als auch in der sozialpolitischen Interessenvertretung und Öffentlichkeitsarbeit.

VdK-Zeitung
Symbolfoto: Angehörige oder Pflegekraft beugt sich über einen Senior im Rollstuhl
Mit dem Pflegestärkungsgesetz II werden Menschen mit demenziellen Erkrankungen ab 2017 stärker berücksichtigt. Die bisherigen Pflegestufen werden durch Pflegegrade abgelöst. Entscheidend bei der Beurteilung von Pflegebedürftigkeit ist, inwieweit der Betroffene in der Lage ist, seinen Alltag selbstständig zu meistern.
VdK-Zeitung
Symbolfoto: Außenansicht des Bundessozialgerichts in Kassel
Die abschlagsfreie Altersrente für besonders langjährige Versicherte mit 63 Jahren gibt es seit zwei Jahren. Für Unmut sorgt eine Gerechtigkeitslücke bei der Anrechnung von Arbeitslosigkeit auf die Wartezeit von 45 Jahren. Der Sozialverband VdK hat daher ein Musterstreitverfahren beim Bundessozialgericht (BSG) in Kassel eingereicht, um in dieser Frage Klarheit zu schaffen.

Hier finden Sie die Artikel aus unserer Reihe "So hilft der VdK":

VdK-Zeitung
Symbolfoto: Eine Statue der Justitia
In unserer beliebten Serie "So hilft der VdK" berichten wir in der VdK-Zeitung regelmäßig über echte Fälle aus der Sozialrechtsberatung unserer VdK-Landesverbände. | weiter
19.09.2016
VdK-Pressemeldung
Foto: Ulrike Mascher bei einer Pressekonferenz
Unsere Pressemitteilungen informieren bundesweit über wichtige Forderungen, Positionen, Ziele und Termine des Sozialverbands VdK.
Presse
Symbolfoto: Eine Kamera filmt die VdK-Präsidentin
Das VdK-Internet-TV ist das Videoportal des Sozialverbands VdK. Unter www.vdktv.de finden Sie mehr als 100 spannende und informative Filmbeiträge rund um die Themen des Verbands, zum Beispiel zu Rente, Pflege, Behinderung, Gesundheit, Leben im Alter, Arbeitsmarkt und viele mehr!
Presse
Symbolfoto: Eine Fotokamera
Journalisten finden hier Hintergrundinformationen und Logos zum VdK Deutschland sowie Pressefotos und eine Vita der VdK-Präsidentin.
VdK-Zeitung
Eine zusammengerollte VdK-Zeitung, Ausgabe Oktober 2016
Die VdK-Zeitung erscheint zehnmal pro Jahr. Mit einer Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren gehört sie zu den größten Mitgliederzeitungen bundesweit. Die überregionalen Artikel der VdK-Zeitung können Sie jeden Monat kostenlos hier lesen.