Sozialverband VdK Deutschland e.V.
22. Oktober 2014
VdK-Zeitung

Alter und Schmerz gehören nicht unbedingt zusammen

Mit einer individuellen Zusammenstellung von verschiedenen Therapien lassen sich auch chronische Schmerzen gut behandeln

Altwerden muss nicht weh tun, ist Dr. Martin Steinberger überzeugt. Der Mediziner arbeitet an der Interdisziplinären Tagesklinik für Schmerztherapie am Klinikum München-Schwabing.
Gerade ältere Menschen werden seiner Meinung nach oft nicht ausreichend behandelt. Das mag damit zusammenhängen, dass viele Patienten ihr Leiden hinnehmen und beim Arzt nicht mehr ansprechen. Das kann aber auch daran liegen, dass sich Mediziner bei Senioren seltener nach Schmerzen erkundigen.

© Imago/Science Photo Library

"Offensichtlich neigen wir dazu, bei älteren Menschen Schmerzen für normal zu halten", sagt Steinberger. Er rät Schmerzpatienten deshalb, nicht aufzugeben und nach der richtigen Therapie zu suchen. Denn in den vergangenen Jahren habe die Schmerzmedizin deutliche Fortschritte erzielt. Die interdisziplinäre, multimodale Schmerztherapie kombiniert verschiedene Therapieansätze miteinander und stimmt diese individuell auf die Bedürfnisse des jeweiligen Patienten ab.

VdK-Zeitung: Alter und Schmerzen – da kann man nichts machen?

Steinberger: Nein, das ist grober Unfug. Zwar können die Therapiemaßnahmen vielleicht das Leiden nicht vollständig beseitigen, aber in der modernen Schmerztherapie gelingt es, den Einfluss der Beschwerden auf das tägliche Leben zu reduzieren. Das liegt auch daran, dass die Forschung heute eine bessere Vorstellung davon hat, wie Schmerzen entstehen. Der Schmerz ist immer eine Kombination aus verschiedenen körperlichen und seelischen Faktoren. Wir haben ein besseres Wissen darüber, wie man Medikamente sinnvoll einsetzen kann, und kennen viele Ansätze, Schmerzen zu behandeln. Dazu zählen Ergotherapie, Entspannungstechniken, psychologische Schmerztherapie und vieles mehr.

VdK-Zeitung: Viele chronische Schmerzpatienten haben bereits einen jahrelangen Ärztemarathon hinter sich. Warum sollen sie nicht aufgeben?

Steinberger: Gerade bei richtig komplizierten Fällen ist es sinnvoll, eine Therapie zu machen. Werden die Schmerzen chronisch, kommen immer mehr Faktoren ins Spiel. Man entwickelt beispielsweise eine Fehlhaltung, schränkt sein Leben ein, oder das soziale Umfeld ist mitbetroffen. Unser Weg ist es, zusammen mit dem Patienten herauszufinden, in welchen Situationen der Schmerz auftritt und wie man diese Situationen entschärfen kann. Ein Schmerz ist nicht immer etwas Negatives, er kann auch als Signal verstanden werden, dass die Belastung zu hoch ist. Oft ist es mühsam, im Einzelfall die schmerzrelevanten Faktoren herauszufinden. Es lohnt sich aber, weil man dann gemeinsam ein individuelles, wirksames Behandlungskonzept erstellen kann.

VdK-Zeitung: Wie läuft eine moderne Schmerztherapie ab?

Steinberger: In der Regel stellt der Hausarzt eine individuelle ambulante Therapie zusammen. Wenn das nicht ausreicht, kann er den Patienten an eine Tagesklinik oder ein Schmerzzentrum überweisen. Dort können wesentlich aufwändigere Therapien durchgeführt werden. Das Besondere ist, dass sich ein ganzes Team aus Therapeuten verschiedener Berufsgruppen – Krankengymnasten, Ärzte, Psychologen und andere – unter der Leitung eines Facharztes um den Patienten kümmern.

In unserem Haus durchläuft der Schmerzpatient nach der Anmeldung und der Beantwortung eines Fragebogens eine ausführliche und umfassende Untersuchung. Danach bespricht der Arzt die Ergebnisse mit dem Patienten und schlägt ein individuelles Behandlungskonzept vor. Dazu zählen Medikamente, aber auch beispielsweise Physiotherapie, Entspannungstraininig, Bewegungstherapie, Körperwahrnehmungs- oder Ausdauertraining. Die Therapie erfolgt in der Schmerztagesklinik, meist an einem bis drei Behandlungstagen pro Woche.

VdK-Zeitung: Was muss ein Patient für eine solche Therapie mitbringen?

Steinberger: Er muss offen sein für ganzheitliche Zusammenhänge und sollte die Bereitschaft haben mitzuarbeiten. Und er sollte noch mobil sein und in der Nähe der Tagesklinik leben. Außerdem müssen ausreichende Deutschkenntnisse vorhanden sein, denn ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung ist das Gespräch.

VdK-Zeitung: Worauf muss man in der Schmerztherapie gerade bei älteren Menschen achten?

Steinberger: Man muss sich viel Zeit nehmen. Ältere Menschen sind oft sowohl körperlich als auch geistig nicht mehr so belastbar. Häufig gibt es bereits eine Vielzahl an Erkrankungen und deshalb viele Medikamente, die sich blockieren oder sogar ausschließen. Im Alter verändert sich auch die Wirkung von Medikamenten. Deshalb geht man besonders behutsam mit Schmerzmitteln um.

VdK-Zeitung: Lohnt es sich, eine Therapie zu beginnen, auch wenn der Schmerz nicht vollständig beseitigt werden kann?

Steinberger: Eine Therapie ist nach unserer Auffassung nicht dann gelungen, wenn der Patient schmerzfrei ist, sondern wenn er Lebensqualität zurückgewinnt. Dazu gehört, dass er seinen Schmerz besser versteht und dass das Leiden nicht mehr das Leben bestimmt. Wir haben eine Menge Maßnahmen, um die Situation zu verbessern. Deshalb ist es immer sinnvoll, wenn man eine Schmerztherapie beginnt.

VdK-Zeitung: Ist eine moderne Schmerztherapie bei Demenzkranken ebenfalls möglich?

Steinberger: Ganzheitliche Ansätze sind bei Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen nur bedingt sinnvoll. Da eignen sich oft besser die Ansätze der geriatrischen Rehabilitation.


Dieses Thema könnte Sie auch interessieren:

ali

Schlagworte Schmerztherapie | Schmerzen | Senioren | Alter | Schmerzpatient | Interview | Experte

Aktuelle Artikel im Juni 2016:

VdK-Zeitung
Symbolfoto: Ein Mann und eine Frau, beide im Rollstuhl, beim Spaziergang - sie halten sich an den Händen
Trotz massiver Proteste der Behindertenverbände hat der Bundestag die Novellierung des Behindertengleichstellungsgesetzes beschlossen. Wie das geplante Bundesteilhabegesetz bleibt es deutlich hinter den Erwartungen der Betroffenen zurück.
VdK-Zeitung
VdK-Präsidentin Ulrike Mascher
Der Laden um die Ecke, die Hausarztpraxis gleich neben dem Postamt, die Bankfiliale am Marktplatz. Das alles verschwindet nach und nach aus vielen deutschen Regionen. So gab es 2005 etwa 44 000 Bankzweigstellen, zehn Jahre später waren es noch 34 000, und im Jahr 2025 sollen es nur noch 20 000 sein. Oft bleibt nicht einmal ein Geldautomat zurück.

VdK-Zeitung
Symbolfoto: Münzstapel und darauf Buchstabenwürfel, die das Wort Altersarmut bilden
Immer mehr Menschen haben Angst, dass ihre Rente später nicht zum Leben reicht. Sie sorgen sich vor Altersarmut. Viele haben ein Leben lang gearbeitet und die Rente reicht trotzdem nicht. Aktuell ist eine Rentendiskussion entfacht. Mitglieder des Sozialverbands VdK berichten über ihre finanzielle Not.
VdK-Zeitung
Symbolfoto: Ein Rollstuhl-Skater fährt mit seinem Rollstuhl über eine Minirampe
Gemeinsamer Sport macht Kindern Spaß und fördert den Teamgeist. Umso schlimmer, wenn man ausgeschlossen ist, so wie der elfjährige Marcel S. Mit seinem Rollstuhl konnte er nicht am Schulsport teilnehmen. Er klagte mit Hilfe der VdK-Rechtsschutzstelle Trier vor dem Sozialgericht, das ihm einen leichten Sportrollstuhl zusprach.

Hier finden Sie die Artikel aus unserer Reihe "So hilft der VdK":

VdK-Zeitung
Symbolfoto: Eine Statue der Justitia
In unserer beliebten Serie "So hilft der VdK" berichten wir in der VdK-Zeitung regelmäßig über echte Fälle aus der Sozialrechtsberatung unserer VdK-Landesverbände. | weiter
VdK-Pressemeldung
Foto: Ulrike Mascher bei einer Pressekonferenz
Unsere Pressemitteilungen informieren bundesweit über wichtige Forderungen, Positionen, Ziele und Termine des Sozialverbands VdK.
Presse
Symbolfoto: Eine Kamera filmt die VdK-Präsidentin
Das VdK-Internet-TV ist das Videoportal des Sozialverbands VdK. Unter www.vdktv.de finden Sie mehr als 100 spannende und informative Filmbeiträge rund um die Themen des Verbands, zum Beispiel zu Rente, Pflege, Behinderung, Gesundheit, Leben im Alter, Arbeitsmarkt und viele mehr!
Presse
Symbolfoto: Eine Fotokamera
Journalisten finden hier Hintergrundinformationen und Logos zum VdK Deutschland sowie Pressefotos und eine Vita der VdK-Präsidentin.
VdK-Zeitung
Foto einer VdK-Zeitung von Juni 2016
Die VdK-Zeitung erscheint zehnmal pro Jahr. Mit einer Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren gehört sie zu den größten Mitgliederzeitungen bundesweit.