Sozialverband VdK Deutschland e.V.
25. September 2014
VdK-Zeitung

Zu wenig Wohnangebote für Menschen mit Behinderung

Wer mit einer Behinderung lebt, findet oft keine geeignete Wohnform – Im Pflegeheim fühlen sich Betroffene meist deplatziert

Menschen mit einer Behinderung haben das Recht, so zu wohnen und ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten wie andere auch. So steht es in der UN-Behindertenrechtskonvention. Doch der Alltag sieht oft anders aus. Barrierefreie und rollstuhlgerechte Wohnungen sind noch immer Mangelware. Viele Betroffene finden sich notgedrungen dort wieder, wo sie nicht hingehören: im Pflegeheim.

© Imago

Inge Maisch war erst Anfang 40, als sie ins Pflegeheim umziehen musste. Für die Frau, die mit 28 Jahren an multipler Sklerose erkrankte, war das ein schwerer Schritt. "Mir ging es damals sehr schlecht. Alle meine Versuche, eine geeignete Wohnform zu finden, scheiterten. Ich hatte keine andere Wahl", erinnert sich das VdK-Mitglied aus Augsburg.

Im Pflegeheim fand sich die Frau dann mitten unter hochbetagten, dementen und sehr gebrechlichen Menschen wieder. "Ich fühlte mich von Anfang an falsch an diesem Platz und war so hilflos", erinnert sich die heute 44-Jährige. Während der zwei Jahre, die sie im Pflegeheim zubrachte, ließ sie nichts unversucht, um ihre Situation zu ändern.

Durch Zufall hörte sie von dem Wohnprojekt "Fokus-Wohnen", einem ursprünglich in Schweden entwickelten Konzept, das eigenständiges Wohnen und Assistenz für Menschen mit Behinderung kombiniert. Inge Maisch bewarb sich daraufhin um eine Zwei-Zimmer-Wohnung und hatte Glück.

"Es ist wie ein Sechser im Lotto. Endlich kann ich wieder so leben, wie ich es will", sagt die Augsburgerin und ergänzt: "Ohne den VdK hätte ich es nicht geschafft." Der Sozialverband habe den Grad der Behinderung (GdB) von 80 und auch die Pflegestufe 1 durchgeboxt. Zurzeit laufe noch ein Widerspruchsverfahren, weil ihre Erwerbsminderungsrente nicht für die Zwei-Zimmer-Wohnung reicht und sich das Sozialamt bisher weigert, die Differenz zu übernehmen.

Andere hatten nicht so viel Glück und sind noch immer auf der Suche. So wie Juliane M. (Name von der Redaktion geändert) Die 47-Jährige leidet an einer unheilbaren Augenerkrankung und geht einer ungewissen Zukunft entgegen. "Ich befürchte, dass ich irgendwann nicht mehr in meiner Wohnung bleiben kann", so das VdK-Mitglied aus Pforzheim. Doch die Suche nach einer barrie-refreien Wohnung im Umfeld verlief bisher ergebnislos. "Es gibt einfach zu wenig Angebote. Und die wenigen sind meist unbezahlbar", so die 47-Jährige.

Große Nachfrage

Bei der Fachstelle für Barrierefreiheit des VdK-Landesverbands Hessen-Thüringen gehen regelmäßig ähnliche Anfragen ein. "Die Nachfrage nach barrierefreiem Wohnraum ist groß, das Angebot dagegen klein", fasst Melanie Ludwig von der VdK-Fachstelle in Frankfurt am Main zusammen. Die meisten kämen erst dann, wenn die Zeit drängt, zum Beispiel wenn sie aus Altersgründen oder in Folge einer Erkrankung nicht mehr allein zurechtkommen. Die meisten wollen dennoch so lange es irgendwie geht in ihrer alten Wohnung bleiben. "Manchmal kann das auch mit einigen Umbauarbeiten gelingen", weiß Melanie Ludwig.

Die größten Probleme in nicht barrierefreien Wohnungen seien der Zugang zur Wohnung und das Bad. Als Knackpunkt stelle sich in vielen Fällen die Finanzierung des Umbaus dar. Mieter hätten einen relativ kleinen Spielraum, weil der Vermieter dabei das letzte Wort hat. Wer Veränderungen vornimmt, braucht grundsätzlich das Einverständnis des Vermieters. Ausgenommen davon ist der Einbau von Ausstattungsgegenständen, wie zum Beispiel Haltegriffen, die jederzeit wieder entfernt werden können. Nach geltendem Mietrecht können Vermieter erforderliche Umbaumaßnahmen allerdings nur dann verweigern, wenn eigene Interessen oder die anderer Mieter gefährdet sind.

Wer eine Pflegestufe hat, kann Umbauarbeiten in der Wohnung mit bis zu 2557 Euro gefördert bekommen. "Bei kleineren Vorhaben reicht das aus, zum Beispiel wenn eine Badewanne gegen eine Dusche getauscht werden soll und der Austausch baulich nicht zu aufwändig ist", so Melanie Ludwig. Letztendlich müsse in jedem Fall geschaut werden: Was ist für den Betroffenen machbar?

Deshalb seien all jene im Vorteil, die sich rechtzeitig beraten lassen und nicht aus einer Zwangslage heraus entscheiden müssen. "Es ist immer besser, selbst zu bestimmen, wie man leben möchte", weiß Inge Maisch. Sie wünscht sich, dass es noch mehr bezahlbare Wohnangebote für Menschen gibt, denen es nicht mehr so gut geht.


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ikl

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