Sozialverband VdK Deutschland e.V.
25. September 2014
VdK-Zeitung

25 Jahre Mauerfall: "Diese Euphorie kann man nicht beschreiben"

VdKler erinnern sich an den Mauerfall vor 25 Jahren – heute gibt es viele freundschaftliche Kontakte zwischen Ost und West

25 Jahre ist es her, dass die deutsch-deutsche Grenze geöffnet wurde. Doch heute, an dieser Mauer in Thüringen, wird die Erinnerung wieder lebendig. Es ist still in der Görsdorfer Heide, nur ein paar Schafe blöken und Grillen zirpen an diesem verregneten August-Tag. Auch die fünf Männer, die durch das feuchte Gras stapfen, schweigen. Als sie die Mauer erreichen, sind sie sichtlich bewegt. Plötzlich reden alle durcheinander, jeder hat etwas zu erzählen.

Ein kleiner Rest Mauer im thüringischen Görsdorf erinnert an die einst 1400 Kilometer lange Grenze. Heute gibt es enge Verbindungen zwischen Ost und West. Das Bild zeigt Mitglieder der VdK-Kreisverbände Gotha und Coburg (von links): Herbert Hosemann, Dr. Claus Dieter Junker, Hellmut Ott, Norbert May und Horst Nikol. | © Liebmann

Die deutsch-deutsche Grenze hat viele Jahre das Leben dieser Männer bestimmt. Hellmut Ott und Horst Nikol haben die Grenzöffnung im Westen miterlebt, Dr. Claus Dieter Junker, Herbert Hosemann und Norbert May im Osten. Mittlerweile sind sie über die VdK-Ortsverbände Bad Rodach und Gotha und über die VdK-Kreisverbände Coburg und Gotha miteinander befreundet.

Die Mauer in Görsdorf im thüringischen Landkreis Sonneberg, an der sie sich heute treffen, ist ein Überbleibsel aus der Zeit, als die Menschen in Ostdeutschland kaum Kontakt zu ihren Verwandten im Westen hatten. Ganze Familien wurden auseinandergerissen, auch hier. Da der kleine Weiler unmittelbar an der Grenze lag, wurde das drei Meter hohe Bauwerk als Sichtschutz zu den Nachbardörfern errichtet. "Wenn die Bauern in Grenznähe mähen wollten, mussten sie das zuvor anmelden", erklärt Herbert Hosemann, Vorsitzender des VdK-Bezirksverbands Südthüringen.

Der größte Teil der zerfallenen und mit Löchern durchsetzten Mauer ist mittlerweile abgerissen. Nur 30 Meter in einer friedlichen Heidelandschaft erinnern noch daran, dass hier einmal das Ende der beiden deutschen Staaten lag. In die Mauerreste sind Insekten aus der Heide eingezogen, wie die fünf Männer entdecken.

Hellmut Ott ist Coburger Kreisvorsitzender und stellvertretender Landesvorsitzender des VdK Bayern. Er kann sich noch gut an den Tag erinnern, als bei ihnen die Grenze geöffnet wurde: "Innerhalb von drei, vier Tagen kamen 400.000 Menschen, um das Begrüßungsgeld zu holen", erzählt er. Die Schlange sei so lang gewesen, dass die Stadt Coburg zusätzlich zum Rathaus die Dreifachturnhalle öffnete. Auch Bad Rodach, nur zwei Kilometer von der Thüringer Landesgrenze entfernt, wurde quasi überrollt. "Die ganze Stadt war voll mit Trabis", bestätigt Horst Nikol, Vorsitzender des VdK-Ortsverbands Bad Rodach und stellvertretender Kreisvorsitzender des VdK Coburg.

Nikol ist 1943 geboren und hat den Bau der Grenzanlagen miterlebt, an der es bis weit in die 1960er-Jahre Schlupflöcher gab. Zwar war das Grenzgebiet Sperrzone, doch bis zur Errichtung des "Todesstreifens" gab es immer wieder Ostdeutsche, die nach Bayern kamen, um sich Waren zu besorgen. Eines Tages war die Grenze dicht. Billmuthausen, ein Dorf direkt in der Sperrzone, wurde 1978 abgerissen, die Menschen mussten umsiedeln. In den Frühjahrsmonaten, wenn der Schnee schmolz, dann ging im "Todesstreifen" manchmal eine Mine hoch.

Kaum einer hätte erwartet, dass die Grenze, die sich wie ein Riss durch Deutschland zog, jemals fallen würde. Auch Dr. Claus Dieter Junker, heute stellvertretender Landesvorsitzender des VdK Hessen-Thüringen, nicht. Er und seine Frau arbeiteten damals als Lehrer und "für uns war es undenkbar, in den Westen zu kommen". Einen Tag, nachdem die Grenze offen war, fuhr das Ehepaar los, um sich Kassel anzusehen. "Die Euphorie, die wir damals hatten, kann man nicht beschreiben", sagt er.

Voneinander lernen

Nicht einmal ein Jahr später, im Mai 1990, wurde der VdK-Landesverband Thüringen (seit 2003 Hessen-Thüringen) gegründet. Mit seinem Leistungsangebot sei der Sozialverband quasi "in ein vorbereitetes Beet gefallen", sagt Junker. Eine Sozialrechtsberatung wie beim VdK bot der Sozialverband der DDR, die Volkssolidarität, damals nicht an.

"Wir waren uns bewusst, dass mit der Wende Dinge auf uns zukommen würden, mit denen wir uns nicht auskennen", erinnert sich auch Dr. Antje Möbius, Gründungsmitglied des VdK-Landesverbands Sachsen. "Wir waren ja schließlich Laien und kannten uns im Sozialrecht überhaupt nicht aus." Mit viel Unterstützung aus dem Westen wurden die neu gegründeten Landesverbände aufgebaut. "Wir mussten erst das Verbands-Einmaleins lernen. Aber man ist uns nie mit dem erhobenen Zeigefinger gekommen. Wir waren und sind starke Partner auf Augenhöhe", lobt Dr. Möbius die Ost-West-Beziehungen im Sozialverband.

Während heute die Anliegen der Rentner, der Pflegebedürftigen und der Menschen mit Behinderung im Mittelpunkt stehen, ging es anfangs vor allem um die Kriegsopfer, die bis zur Wende keine Entschädigungen erhalten hatten. "Wir wurden fast überrannt, die Anträge gingen säckeweise bei uns ein", berichtet Möbius.

Im März 1991 erklärten die fünf neuen ostdeutschen Landesverbände auf dem Außerordentlichen Bundesverbandstag ihren Beitritt zum Sozialverband VdK Deutschland. Der damalige VdK-Präsident Walter Hirrlinger betonte am Schluss seiner Vereinigungsrede: "Der neue Kurs ist eingeschlagen – bringen wir das Schiff VdK gemeinsam auf volle Fahrt."

In Gotha haben der ehemalige Kreisvorsitzende Junker und sein Nachfolger Norbert May den VdK aufgebaut. "Mit den Mitgliederzahlen ging es nach der Wende stetig bergauf", erinnert sich May. Auch er berichtet von der Unterstützung durch die alteingesessenen VdK-Landesverbände: "Wir haben uns alles im Westen abgeschaut." Anfangs sei man mit Infobussen auf Tour gegangen und habe Aktionen veranstaltet, um Werbung für den VdK zu machen.

Ost und West sind im vergangenen Vierteljahrhundert immer weiter zusammengewachsen. Auch beim VdK: Seit etwa zwei Jahren gibt es die Partnerschaft zwischen Gotha und dem 80 Kilometer entfernten Coburg. Diese thüringisch-bayerische Freundschaft, initiiert von Junker, hat historischen Hintergrund – schließlich waren beide Städte von 1826 bis 1918 in einem Herzogtum vereint.

"Claus Dieter Junker hat offene Türen eingerannt", erzählt Hellmut Ott. Befreundet sind sowohl die Kreisverbände Gotha und Coburg als auch die Ortsverbände Gotha und Bad Rodach. Mehrmals im Jahr besuchen sich die VdK-Mitglieder aus Ost und West, tauschen sich über ihre Arbeit aus oder feiern miteinander das Barockfest in Gotha.

ali

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