2. Juli 2014
VdK-Zeitung

Sieben Bedenken gegen Inklusion und sieben Antworten

Warum die Vorbehalte zum Thema gemeinsames Lernen von Schülern mit und ohne Behinderung falsch sind

Nach der UN-Behindertenrechtskonvention sollte Inklusion an Schulen längst Realität sein. Doch nach wie vor gibt es Vorbehalte. Marian Indlekofer, Referent für die Belange von Menschen mit Behinderung beim VdK Bayern, setzt sich mit ihnen auseinander.

© Imago/wolterfoto
  1. Viele Lehrkräfte haben Ängste vor der Herausforderung, Kinder mit Behinderungen unterrichten zu müssen, weil sie dafür keine Ausbildung haben.
    Leider geht die allgemeine Lehramtsausbildung kaum auf die Thematik Behinderung ein. Eine Reform wäre dringend notwendig, um Bewusstsein zu schaffen und gute Methoden zu entwickeln. Das bedeutet jedoch nicht, dass man mit der Inklusion warten muss. Schon jetzt kann man durch Weiterbildungen das Thema Inklusion an die Fachkräfte bringen. Und auch danach müssen die Erzieher nicht gleich allen Anforderungen gerecht werden. Das ist unmöglich. Jeder Mensch ist unterschiedlich und hat seine individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten, auf die sich Lehrkräfte jedes Jahr einstellen müssen.
  2. Inklusion im Schulsystem ist ein Konzept, das man umsetzen kann oder nicht.
    Das ist der größte Irrtum in der Debatte. Es geht nicht mehr darum, ob wir Inklusion wollen. Dazu haben wir uns durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention völkerrechtlich schon verpflichtet, sondern wie wir das menschrechtliche Prinzip der Inklusion umsetzen. Seit dem 26. März 2009 ist der Artikel 24 für alle Bundesländer rechtsverbindlich und dieser besagt, dass es ein gemeinsames Schulsystem für alle Kinder von Anfang an geben muss.
  3. Durch zu wenig Geld und Personal im Bildungssystem gerät die inklusive Schulentwicklung ins Wanken.
    Eine inklusive Schule kann nicht mit weniger Lehrkräften als bisher auskommen, wenn Kinder mit und ohne Beeinträchtigung gemeinsam lernen sollen. Je mehr finanzielle Mittel aus dem System genommen werden, desto unwahrscheinlicher wird ein erfolgreicher Prozess hin zur Inklusion. Inklusive Schulen funktionieren mit multiprofessionellen Teams von Lehrkräften, Sonderpädagogen, Schulpsychologen, Sozialarbeitern, Erzieher und weiteren Fachkräften. Wenn in kleineren Klassen zwei Pädagogen unterrichten und für alle Kinder gemeinsam da sind, dann ist das ein guter Ausgangspunkt in einer inklusiven Schulentwicklung.
  4. Viele Eltern befürchten, dass ihre nichtbehinderten Kinder in einem inklusiven Schulsystem von den Kindern mit Handicap ausgebremst werden oder zu kurz kommen.
    Diese Behauptung hört man fast bei jedem Elternsprechtag und die Bedenken zielen darauf, dass in einem schulischen Leistungssystem wie unserem, Kinder permanent beste Zensuren bringen müssen. Die Bildungsforschung der vergangenen 30 Jahre widerlegt diese These: Kinder ohne Behinderung lernen in inklusiven Schulen nicht weniger, stattdessen steigt ihre Sozialkompetenz signifikant. Kinder mit Behinderung lernen in gemischten Klassen nachweislich besser, sie schauen sich vieles ab. Schüler ohne Beeinträchtigung erfahren, dass es nicht immer nur um maximale Leistung und Noten geht. Diese Erkenntnisse und Teamfähigkeit sind in der Berufswelt unabdingbar. Außerdem ist die Unterscheidung von Kindern mit und ohne Behinderung nur für Außenstehende relevant. Kinder verstehen schon sehr früh, dass diese Kategorisierung in einer Gemeinschaft irrelevant ist.
  5. Inklusion ja, aber bitte nicht zu viel ändern, und es darf nichts kosten.
    Der ehemalige Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Hubert Hüppe, hat gesagt: „Wer Inklusion will, sucht Wege, wer sie verhindern will, sucht Begründungen“. Inklusion kostet Geld. Ohne wird es nicht funktionieren, und diese Investition muss es uns als Gesellschaft wert sein. Wir investieren in die Bildung und Zukunft unserer Kinder. Die Mittel sind vorhanden, es kommt auf die Verteilung an. Viele Ressourcen sind im Schulsystem gebunden und werden nicht zusammengeführt, weil die verschiedenen Schularten für sich bestehen bleiben wollen und sich nicht öffnen. Die Rahmenbedingungen im Bildungssystem müssen so ausgebaut werden, dass Barrierefreiheit und Teilhabemöglichkeit gewährleistet sind.
  6. Die Schulen in Deutschland haben schon genug zu tun, die Inklusion würde diese noch zusätzlich belasten.
    Genau das Gegenteil ist der Fall, bei einer guten Schulentwicklung ist Inklusion als Qualitätsstandard einer Organisationsentwicklung zu verstehen. Zuerst ist festzustellen, dass es bei der Inklusion nicht nur um Menschen mit Behinderungen geht. Es geht um alle, das bedeutet im Schulsystem Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund, Kinder aus prekären Verhältnissen (Armut), Lernschwierigkeiten, sprachliche Barrieren usw. Diese Themen sind in deutschen Schulen schon vor der Inklusionsdebatte Thema gewesen. Die Gesellschaft unterliegt einem fortwährenden Wandel und darauf muss sich auch die Schule einstellen. Inklusion ist der logische nächste Schritt in der Entwicklung.
  7. Es geht alles viel zu schnell mit der Inklusion, wir brauchen mehr Erfahrungswerte.
    Lange waren Menschen mit Handicap Bittsteller und auf die Kulanz von Regelschulen angewiesen, um diese besuchen zu dürfen. Nun gibt es eine Rechtsgrundlage für die Einschulung in die wohnortnahe Schule. Viele Schulen in Deutschland haben diese bildungspolitische Entwicklung verfolgt und sich schon früh darauf eingestellt. Bereits 1973 stellte der Deutsche Bildungsrat fest, dass die gemeinsame Beschulung von Kindern mit und ohne Behinderung zu empfehlen ist, um Ausgrenzungserfahrungen entgegenzutreten. Der Rechtsanspruch „zwingt“ nun viele Einrichtungen, sich tatsächlich auf den Weg zu machen und sie müssen dabei nichts Neues erfinden. Fast alle unsere Nachbarländer haben schon vor Jahrzehnten damit angefangen. Ein Blick über den Tellerrand schadet unserem System nicht. Als Wissensstandort Deutschland darf man den Anschluss an internationale Standards nicht verlieren.

hei

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