2. Juni 2014
VdK-Zeitung

Kommentar: Menschenwürdig

Die Würde des Menschen ist unantastbar. So steht es in Artikel 1 des Grundgesetzes. Es ist das elementarste Recht, das wir haben. Es gilt uneingeschränkt für alle Menschen, die in Deutschland leben. Unabhängig vom Gesundheitszustand. Unabhängig vom Alter. Doch in Pflegeheimen kommt es leider viel zu oft zu Verstößen gegen dieses Grundrecht.

Alte, pflegebedürftige Menschen, die im Heim ihren letzten Lebensabschnitt verbringen, sind häufig so schutzlos wie kleine Kinder. Und weil das so ist, hat auch der Staat ihnen gegenüber eine besondere Schutzverpflichtung. Doch das bestehende System lässt es zu, dass in manchen Einrichtungen buchstäblich entwürdigende Zustände herrschen.

Wir wissen das nicht erst seit der aufsehenerregenden TV-Dokumentation vom „Team Wallraff“, das mit versteckter Kamera den Pflegealltag aufgenommen hat und erschreckende Bilder sendete. Es sind leider nicht die ersten Bilder, die unzureichende oder sogar gefährliche Pflege bestätigen. Es gibt genügend wissenschaftliche Studien, die zu demselben Ergebnis kommen. In ihrer Doktorarbeit ist die Juristin Susanne Moritz diesem Thema mit aller Sachlichkeit nachgegangen. Das Ergebnis: Etwa 20 Prozent der Heimbewohner sind von Menschenrechtsverletzungen betroffen. Es besteht also eine relativ hohe Wahrscheinlichkeit für Grundrechtsverstöße im Pflegeheim. Wer bereits im Heim lebt, ist Menschenwürdig aber meist zu krank, zu hilflos und auch zu abhängig, um für seine Grundrechte zu kämpfen.

Auch Angehörige fühlen sich oft machtlos. Deshalb, so die Schlussfolgerung, müssen sich andere für diese Menschen einsetzen. Schon allein, weil wir irgendwann alle in dieser Lage sein könnten, weil niemand davor gefeit ist, selbst einmal pflegebedürftig zu werden. Es geht oft um einfache Ansprüche, die das überforderte Personal nicht erfüllen kann: zur Toilette gehen zu dürfen, an die frische Luft gebracht zu werden oder eine Mahlzeit im eigenen Tempo zu essen, statt künstlich ernährt zu werden. Wenn Grundrechte durch bestehende Gesetze verletzt werden, ist das ein Fall für das Bundesverfassungsgericht. Susanne Moritz hält die Pflegemisere für einen solchen Fall. Und der Sozialverband VdK hat sich nach sorgfältiger juristischer Prüfung dieser Auffassung angeschlossen.

Wir bereiten diese Verfassungsbeschwerde vor. Auch die Aufforderung der Kanzlerin an den VdK, dies lieber zu unterlassen, wird uns von unserem Entschluss nicht abbringen. Es war zu hören, dass der VdK diese Verfassungsbeschwerde nur als Drohkulisse aufbauen will. Nein, wir benutzen das Leid der Pflegebedürftigen nicht, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Wir wollen, dass sich etwas zum Besseren verändert.

Ulrike Mascher

Schlagworte Kommentar | VdK-Präsidentin | Ulrike Mascher | Pflege | Verfassungsklage | Pflegeheim | Menschenrechte | Verfassungsbeschwerde

Aktuelle Artikel im September 2016:

VdK-Zeitung
Gruppenfoto der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Wanderung des VdK in Kassel
„Weg mit den Barrieren!“ fordern VdKler von der Küste bis zu den Bergen – mit Erfolg! Unzählige Ortsbegehungen, Großveranstaltungen und Mitmach-Aktionen in allen 13 VdK-Landesverbänden haben im vergangenen halben Jahr Politik und Bevölkerung wachgerüttelt. Wie die Beispiele aus den Landesverbänden zeigen, sind noch viele Hürden einzureißen.
VdK-Zeitung
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Erwerbsminderungsrentner werden mit ungerechten Abschlägen bestraft und rutschen unter das Existenzminimum: Krank zu werden, sucht sich keiner aus. Doch wer aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kann, wird gleich doppelt bestraft. Denn viele, die eine Erwerbminderungsrente beziehen, müssen zusätzlich von Grundsicherung leben.

VdK-Zeitung
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Roter Lippenstift statt Fettcreme, Rolling Stones statt Volksmusik – in einer Münchner Wohngemeinschaft für Demenzkranke keine Ausnahme. Das Projekt des Vereins Carpe Diem legt auf die individuellen Bedürfnisse der Bewohner genauso großen Wert wie auf eine gute Gemeinschaft. Dafür sorgt ein Team aus Betreuern, Pflegern und Angehörigen. Letztere sind für die Organisation und Verwaltung verantwortlich.
VdK-Zeitung
Symbolfoto: Älterer, pflegebedürftiger Mann liegt im Bett. Am Bett sitzt seine Frau, den Kopf erschöpft in die Hände gestützt.
Die Pflege kranker Angehöriger ist eine große Herausforderung. Wer für seine Eltern, seinen Partner oder sein Kind da ist, leistet jeden Tag Großartiges. Doch der Preis ist hoch, denn oft gehen Pflegende an ihre Grenzen und darüber hinaus. Ein Drittel von ihnen wird selbst krank. Dass sie Anspruch auf eine stationäre Reha-Maßnahme haben, wissen die wenigsten.

Hier finden Sie die Artikel aus unserer Reihe "So hilft der VdK":

VdK-Zeitung
Symbolfoto: Eine Statue der Justitia
In unserer beliebten Serie "So hilft der VdK" berichten wir in der VdK-Zeitung regelmäßig über echte Fälle aus der Sozialrechtsberatung unserer VdK-Landesverbände. | weiter
19.09.2016
VdK-Pressemeldung
Foto: Ulrike Mascher bei einer Pressekonferenz
Unsere Pressemitteilungen informieren bundesweit über wichtige Forderungen, Positionen, Ziele und Termine des Sozialverbands VdK.
Presse
Symbolfoto: Eine Kamera filmt die VdK-Präsidentin
Das VdK-Internet-TV ist das Videoportal des Sozialverbands VdK. Unter www.vdktv.de finden Sie mehr als 100 spannende und informative Filmbeiträge rund um die Themen des Verbands, zum Beispiel zu Rente, Pflege, Behinderung, Gesundheit, Leben im Alter, Arbeitsmarkt und viele mehr!
Presse
Symbolfoto: Eine Fotokamera
Journalisten finden hier Hintergrundinformationen und Logos zum VdK Deutschland sowie Pressefotos und eine Vita der VdK-Präsidentin.
VdK-Zeitung
Foto einer VdK-Zeitung von Juli / August 2016
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