28. April 2014
VdK-Zeitung

Legasthenie: Wie aus Malik ein guter Schüler wurde

Enid Heynel hat einen Sohn mit schwerer Legasthenie – Erst nach einer langen Odyssee wurde diese erkannt

Es gibt viele Menschen, die Schwierigkeiten mit dem Lesen und Schreiben haben. Manche bekennen sich ganz offen dazu, wie der Pantomime Samy Molcho. Enid Heynel hat einen Sohn und eine Tochter mit Legasthenie. In ihrem Buch „Die Verschiedenheit der Köpfe“ schreibt sie über ihre Erfahrungen, wie man mit Legasthenie in schwerer Form umgehen kann.

© Imago

Die Mutter hatte früh den Eindruck, dass mit ihrem Sohn etwas nicht stimmt. „Er hatte Schwierigkeiten, beim Basteln Figuren auszuschneiden, mit dem Malen klappte es nicht, und er konnte keinen Blickkontakt halten“, erinnert sie sich. Der Sohn sei schon im Kleinkindalter auffallend desorientiert gewesen, erinnert sich Enid Heynel. Man habe ihn an der Hand aus dem Bett führen und mit ihm alles kleinschrittig nacheinander machen müssen. Doch was wirklich mit dem Kind los war, wusste sie lange Zeit nicht.

Enid Heynel ging mit Malik zum Arzt, der eine Reizüberflutung und motorische Störungen diagnostizierte. Therapien beim Logopäden und Motopäden sollten Besserung bringen, bevor der Junge in die Schule kam.

Feste Strukturen nötig

In der Waldorfschule zeigte sich nach einer Weile, dass das Kind mit den freien Strukturen nicht zurechtkam. Die Mutter wandte sich Hilfe suchend an einen Psychologen, der bei Malik ein sogenanntes „inhomogenes Begabungsprofil“ feststellte. Einerseits hatte der Junge Schwächen im Lesen und Schreiben, andererseits Begabungen im Rechnen. Und er brauchte unbedingt eine feste Struktur im Unterricht, weil er mit der Freiheit überfordert war. Mittlerweile war der Frust so groß, dass Malik nicht mehr zur Schule wollte.

Er wechselte in die dritte Klasse einer staatlichen Grundschule. Die ersten Wochen seien gut gelaufen, erinnert sich die Mutter. Doch dann seien erneut Probleme aufgetaucht. Der Junge habe sich überhaupt nicht organisieren und konzentrieren können, sei permanent abgeschweift. Er konnte nicht mehrere Dinge gleichzeitig tun, bei Multitasking habe er Panikanfälle bekommen. „Ich musste sagen: ,Malik, putz mal deine Zähne‘, erst dann konnte ich ihm die nächste Aufgabe geben.“ Ihr Sohn habe nur gelernt und war trotzdem der schlechteste Schüler der Klasse. Er sei seelisch total am Ende gewesen mit dem Gefühl „ich kann es nicht, ich bin nicht gut genug“.

Spannung in der Familie

Die Situation in der Familie war angespannt. Enid Heynel beschloss zusammen mit ihrem Partner, ihre Arbeit als Altenpflegerin aufzugeben. Die festen Strukturen hätten dem Kind gut getan und Malik sei es zu Hause langsam besser gegangen, so die Mutter. Doch in der Schule blieben die Schwierigkeiten weiter bestehen. Malik litt, und so begann die Mutter, erneut einen Psychologen zu suchen. Dabei stieß sie auf
einen Gestalttherapeuten, der auf einen Legasthenietest aufmerksam machte. Das Ergebnis des Psychiaters: Der Junge hat eine sehr schwere Form von Legasthenie. Laut Bundes­verband Legasthenie/Dyskalkulie (BVL) haben etwa vier Prozent der Menschen, auch Erwachsene, Legasthenie. Es handelt sich um eine Lese- und Rechtschreibstörung im Sinne des Diagnose-Klassifika­tionssystems (ICD-10) der Welt­gesundheits­organisation (WHO).

„Für uns war die Diagnose eine Riesenerleichterung. Endlich gab es einen Namen für alles. Für Malik war es eine Erlösung, dass nicht er selbst das Problem war, sondern die Legasthenie“, so die Mutter. Ganz viele Familien hätten keine Ahnung, was mit ihren Kindern los sei. Sie seien völlig überfordert und suchten beispielsweise im Internet auf eigene Faust nach Hilfe, wie Kommentare in sozialen Netzwerken wie Facebook zeigten. „Als ich Jahre später im Internet über Legasthenie gelesen habe, erkannte ich: Das ist mein Sohn, warum hat mir das nicht früher einer gesagt? Ich war erleichtert, zu wissen, dass ich nicht allein so viel Unsicherheit hatte.“

Die Eltern brauchen definitiv Unterstützung. „Ohne meinen Mann wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Ich konnte nicht über das Thema sprechen“, sagt Enid Heynel. Viele Mütter seien so verzweifelt und gebrochen, dass sie nicht mehr die Kraft hätten, ihre Rechte einzufordern. Zudem fehle es an Vernetzung und Beratung.

Wechsel aufs Gymnasium

Heute ist Malik 13 Jahre alt und geht in die sechste Klasse eines Ganztagsgymnasiums. Er hat dort nach einem Schulwechsel ein Jahr wiederholt und sich seitdem um zwei Noten verbessert. „Es geht ihm richtig gut“, sagt die Mutter. Ihr Sohn gehe gelassener mit der Legasthenie um und müsse ganz normal lernen. Die Lehrer seien zugewandt und wüssten um die Probleme. Sie achte aber ­darauf, dass bei einem Lehrerwechsel ­sichergestellt sei, dass die neuen Lehrer darauf vorbereitet seien, dass ihr Sohn Legastheniker ist.

Malik möchte Abitur machen. Er könne sehr gut rechnen und mit dem PC umgehen und habe jetzt ein viel positiveres Selbstwertgefühl, so die Mutter. „Ich wünsche mir, dass mehr Legastheniker ins Gymnasium gehen“, sagt Enid Heynel. Sie selbst möchte mit ihrer Familiengeschichte dazu beitragen, Legasthenie aus der Tabu-Ecke zu holen. Es gebe viele Eltern, die selbst Legastheniker seien und aus Scham nicht darüber sprächen. „Jeder hat seine Legasthenie individuell.“ So sei die jüngere Schwester von Malik gut in Rechtschreibung, könne aber sehr schlecht lesen. Doch es gebe viele Fördermöglichkeiten, und die müs­se man nutzen. „Das Wichtigste ist, zum Kind zu stehen und es mit allen Mitteln zu unterstützen“, so Enid Heynel.

Info

  • Enid Heynel: Die Verschiedenheit der Köpfe: Die Geschichte eines ­legasthenen Kindes in den Mühlen unseres Bildungs­systems. 9,90 Euro, EAN 9783000437427, www.dvdk.eu
  • Bundesverband Legasthenie/Dyskalkulie e. V. (BVL), www.bvl-legasthenie.de; telefonische Beratung Montag und Dienstag 10 bis 12 Uhr, Mittwoch 16 bis 18 Uhr, Telefon (0 27 61) 66 00 41, Fax (0 27 61) 6 06 92 30, beratung@bvl-legasthenie.de . Ansprechpartner in der Nähe: siehe BVL-Landesverbände.

sko

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