24. Januar 2014
VdK-Zeitung

Alphabetisierung: Gemeinsam wieder neuen Mut zum Lernen fassen

Das Dilemma mit der Schrift: Erwachsene, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, profitieren von Alphabetisierungskursen

© Imago

Bundesweit können 7,5 Millionen Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren nicht richtig lesen und schreiben, obwohl sie die Schulbank gedrückt haben. Auch wenn die Betroffenen auf Hilfe angewiesen sind, kommen die meisten erstaunlich gut zurecht und sind häufig erwerbstätig. Dennoch bleibt ihnen ein gleichberechtigter Zugang zum gesellschaftlichen Leben versperrt. Es sei denn, sie stellen sich der Herausforderung des Abc. Wer einen Alphabetisierungskurs im Erwachsenenalter besucht, hat einen mühsamen Weg vor sich. Doch er lohnt sich.

Durch das Unterholz schleicht auf leisen Pfoten ein Luchs. Plötzlich hält das Tier inne. Die Großkatze spitzt ihre typischen Pinselohren. Gebannt schauen Franz-Xaver Huber und Rudolf Moser auf den Flachbildschirm. Sie sehen sich gemeinsam im Internet ein Video über den Nationalpark Bayerischer Wald an. Seit mehr als drei Jahren treffen sich die beiden Männer in der Lernwerkstatt der Münchner Volkshochschule. In dem Kurs werden aber nicht nur PC-Kenntnisse vermittelt. Vor allem geht es hier darum, lesen und schreiben zu lernen. Die offene, kostenlose Schulung wird seit vier Jahren angeboten und ist für Erwachsene gedacht, die unsicher im Lesen, Schreiben und Rechnen sind. Über das Thema Bayerischer Wald haben die Teilnehmer in den letzten Sitzungen schon eigene Texte verfasst.

Wer hierzulande die Schule besucht hat, Deutsch als Muttersprache spricht, aber schon als Jugendlicher mangelnde Rechtschreib- und Lesefertigkeiten aufweist, gilt als funktionaler Analphabet.

Leo-Studie

2011 haben Bildungsforscher der Universität Hamburg erstmals das Ausmaß des funktionalen Analphabetismus in Deutschland belegt: Die sogenannte Leo-Studie brachte ans Licht, dass 7,5 Millionen Erwerbsfähige zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben können, aber nicht imstande sind, zusammenhängende Texte - selbst kürzere - zu verstehen. Daraufhin stellte die Bundesregierung zusätzliche finanzielle Mittel für Initiativen zur Alphabetisierung, Öffentlichkeitsarbeit und Kurse zur Verfügung.

In der Münchner Lernwerkstatt feilen Franz-Xaver Huber und Rudolf Moser Woche für Woche an ihren Lese- und Rechtschreibfähigkeiten. Sie sind die motiviertesten Teilnehmer von Dozentin Christiane Sarrazin. Franz-Xaver Huber erzählt von unangenehmen Erfahrungen. "Ich bin als Schuljunge im Unterricht nicht so gut mitgekommen wie die anderen und wurde als dumm abgestempelt", erinnert sich der 60-Jährige. Das Schreiben hat er dann durch mangelnde Förderung nie richtig gelernt. Doch Bücher faszinierten ihn. Er hat eine Ausbildung als Buchbinder gemacht. Heute hilft er in einem kleinen Verlag aus und "packt Päckchen", wie er sagt.

Analphabetismus ist im Land der Dichter und Denker ein Tabu. "Aus Sorge, ausgegrenzt zu werden, kaschieren die Betroffenen ihr Manko", weiß Renate Schiefer vom Bayerischen Volkshochschulverband. Eine klassische Ausrede ist, die Lesebrille vergessen zu haben. Die Betroffenen lernen zudem viel auswendig, wie Telefonnummern oder Einkaufslisten. Und wem ein Behördengang bevorsteht, nimmt eine Vertrauensperson mit. "Andere täuschen mit einem Verband eine verletzte Schreibhand vor", so Schiefer.

Auch Peter Hubertus vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e. V. in Münster kennt die Tricks. "Sich in der Welt der Schrift zurechtzufinden und dabei unbemerkt zu bleiben, erfordert Klugheit." Das Ziel der Alphabetisierungskurse ist, die Teilnehmer wieder behutsam an das Thema Lernen heranzuführen. Hubertus weiß, dass viele Betroffene vor einem Schreibkurs zurückschrecken. "Es ist schwer, sich mit der Schrift auseinanderzusetzen, an der man bislang immer Schiffbruch erlitten hat", erklärt der Experte. Wichtig sei auch, die Familien und Freunde dazu zu bewegen, das sensible Thema anzusprechen. Ungeeignet sei hingegen der Begriff "Analphabetismus", um die Betroffenen zu erreichen. Wirksamer sind Kampagnen-Filme im Fernsehen und Botschafter, die ihnen Mut machen.

Niedrige Hemmschwelle

Die Lernwerkstatt in München macht gute Erfahrungen. Die Hemmschwelle wird niedrig gehalten. So ist der Einstieg jederzeit möglich. Die Teilnehmer setzen sich selbst Ziele und halten ihre Erfolge nach jeder Stunde fest. Weitere Vorteile sind die vertrauliche Atmosphäre, kleine Gruppen und die individuelle Betreuung. Franz-Xaver Huber blickt stolz auf das zurück, was er hier schon alles gelernt und geleistet hat. "Es ist ein sehr gutes Gefühl, lesen und schreiben zu können. Ich muss nicht mehr so viel fragen und bin souveräner."

Info:

Betroffene, Angehörige und Freunde können sich an das "Alfa-Telefon" des Bundesverbands Alphabetisierung und Grundbildung e. V. wenden:

Unter der Nummer (08 00) 53 33 44 55 werden die Ratsuchenden anonym und kostenlos über Lernmöglichkeiten und Kursangebote informiert. Weitere Tipps im Internet unter www.alfatelefon.de

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Schlagworte Alphabetisierung | Kurs | Erwachsene | Lesen | Schreiben | Analphabetismus | Alphabetisierungskurs

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