Sozialverband VdK Deutschland e.V.
1. Februar 2013
VdK-Zeitung

Kommentar: Zeit für die Pflege

Ein großer Wurf sieht anders aus. Die "Familienpflegezeit" haben nach einem Jahr gerade einmal 200 Berufstätige in Anspruch genommen, die so die Pflege eines Angehörigen und ihren Beruf besser unter einen Hut bringen wollen.

VdK-Präsidentin Ulrike Mascher | © Peter Himsel

Der Arbeitnehmer arbeitet bis zu zwei Jahre mit reduzierter Arbeitszeit und erhält dafür maximal 75 Prozent seines Gehalts. Nach der Pflegezeit stockt er wieder auf seine ursprüngliche Arbeitszeit auf, muss aber so lange für reduziertes Gehalt arbeiten, bis der Gehaltsvorschuss wieder eingearbeitet ist. Praktisch klingt das nicht, sondern eher kompliziert. Und darin dürfte ein wesentlicher Grund liegen, dass Bundesfamilienministerin Kristina Schröders ehrgeiziges Konzept von den Betroffenen kaum angenommen wird.

Realitätstest nicht bestanden

Fazit: Die Familienpflegezeit hat den Realitätstest nicht bestanden. Gut gemeint ist eben nicht immer gut gemacht. Der wesentliche Konstruktionsfehler im Gesetz liegt darin, dass es keinen Rechtsanspruch formuliert. Das bedeutet: Wenn der Arbeitgeber nicht mitspielt, hat der Arbeitnehmer Pech. Einfordern kann er die Pflegeteilzeit nämlich nicht. Da hat die Bundesregierung ein wenig blauäugig auf den guten Willen der Unternehmen gesetzt, und das – so zeigt die Erfahrung – ist leider oft der falsche Weg.

Ich erinnere nur an die vollmundigen Versprechungen und Selbstverpflichtungen der Unternehmen, mehr Jobs für ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu schaffen oder den Anteil weiblicher Führungskräfte zu erhöhen. Zeit für die Pflege Es ist außerdem sehr realitätsfremd, davon auszugehen, dass Arbeitnehmer problemlos über vier Jahre auf 25 Prozent ihres Gehalts verzichten können. Die Familienpflegezeit wird so zum Privileg für Besserverdienende. Hinzu kommt, dass die häusliche Pflege hierzulande zum allergrößten Teil von Frauen geleistet wird. Und weibliche Arbeitskräfte verdienen durchschnittlich ohnehin 23 Prozent weniger als Männer. Weitere Einkommenseinbußen können sich viele schlicht nicht leisten.

Und noch etwas spricht gegen die Familienpflegezeit: die Statistik. Durchschnittlich brauchen Pflegebedürftige am Ende ihres Lebens vier bis sechs Jahre lang Pflege, nach dem Gesetz muss der pflegende Angehörige aber bereits nach zwei Jahren an seinen Arbeitsplatz zurückkehren. Viele fürchten, dass das Familienmitglied ungewiss versorgt ist, wenn die zwei Jahre vorbei sind.

Es muss nachgebessert werden, das steht nach einem Jahr Praxislauf fest. Allen voran muss es einen Rechtsanspruch für Familienpflegezeit geben. Die Angehörigenpflege soll denselben Stellenwert haben wie die Betreuung von Kindern. Beides sind unverzichtbare Leistungen, die Anerkennung brauchen. Das müsste die Botschaft des Gesetzgebers sein. Schließlich entlasten pflegende Angehörige unseren Sozialstaat erheblich. Deshalb muss man auch sie deutlich entlasten. Das wäre endlich einmal ein großer Wurf.

Ulrike Mascher

Schlagworte Kommentar | Ulrike Mascher | VdK-Präsidentin | Pflegezeit | Rechtsanspruch | Familienpflegezeit | Einkommen | Arbeitnehmer | pflegende Angehörige | Pflege | Angehörigenpflege

Aktuelle Artikel im Februar 2016:

VdK-Zeitung
Foto: Jens Kaffenberger, Ulrike Mascher und Cornelia Jurrmann bei der VdK-Pressekonferenz am 12. Januar 2016 in Berlin
„Es wird höchste Zeit, sich für ein barrierefreies Deutschland stark zu machen.“ Mit diesen Worten gab die Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland, Ulrike Mascher, am 12. Januar auf einer Pressekonferenz in Berlin den Startschuss zur bundesweiten VdK-Kampagne „Weg mit den Barrieren!“. Bereits 2009 hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet und sich damit verpflichtet, die gesetzlichen Voraussetzungen für eine inklusive Gesellschaft zu schaffen.
VdK-Zeitung
Symbolfoto für Stromkosten: Ein Stecker, ein 100-Euro-Schein und Euromünzen
Im Jahr 2014 gab es so viele Stromsperren wie noch nie. Rund 352.000 Haushalte waren laut Bundesnetzagentur betroffen, rund 7.000 mehr als noch im Jahr 2013. Für den VdK ein menschenverachtendes Vorgehen, das vor allem die Ärmsten der Gesellschaft betrifft. Die steigenden Energiekosten sind nicht ausreichend durch die Regelsätze für Grundsicherung gedeckt.

VdK-Zeitung
Symbolfoto: Eine Frau hilft eine Rentnernin im Haushalt
Es soll eine Unterstützung für Pflegebedürftige und deren Angehörige sein: Seit am 1. Januar 2015 das Pflegestärkungsgesetz I in Kraft getreten ist, können nicht nur Betreuungsleistungen in Anspruch genommen werden, sondern auch Angebote zur Entlastung. Doch das Leistungspaket kann nicht abgerufen werden, weil die meisten Bundesländer die gesetzlichen Grundlagen dafür noch nicht geschaffen haben.
VdK-Zeitung
Symbolfoto: Figürchen von einem Rentner-Ehepaar sitzen auf einem Steuererklärungs-Formular
Rentner erhalten zum 1. Juli 2016 eine kräftige Rentenerhöhung, voraussichtlich um 4,4 Prozent in den alten und um fünf Prozent in den neuen Bundesländern. Allerdings fallen dadurch nun auch Rentner unter die Steuerpflicht, die bisher keine Einkommensteuererklärung abgeben mussten. Das sollten Rentner jetzt wissen.

Hier finden Sie die Artikel aus unserer Reihe "So hilft der VdK":

VdK-Zeitung
Symbolfoto: Eine Statue der Justitia
In unserer beliebten Serie "So hilft der VdK" berichten wir in der VdK-Zeitung regelmäßig über echte Fälle aus der Sozialrechtsberatung unserer VdK-Landesverbände. | weiter
VdK-Pressemeldung
Foto: Ulrike Mascher bei einer Pressekonferenz
Unsere Pressemitteilungen informieren bundesweit über wichtige Forderungen, Positionen, Ziele und Termine des Sozialverbands VdK.
Presse
Symbolfoto: Eine Kamera filmt die VdK-Präsidentin
Das VdK-Internet-TV ist das Videoportal des Sozialverbands VdK. Unter www.vdktv.de finden Sie mehr als 100 spannende und informative Filmbeiträge rund um die Themen des Verbands, zum Beispiel zu Rente, Pflege, Behinderung, Gesundheit, Leben im Alter, Arbeitsmarkt und viele mehr!
Presse
Symbolfoto: Eine Fotokamera
Journalisten finden hier Hintergrundinformationen und Logos zum VdK Deutschland sowie Pressefotos und eine Vita der VdK-Präsidentin.
VdK-Zeitung
Foto einer zusammengerollten VdK-Zeitung von September 2015
Die VdK-Zeitung erscheint zehnmal pro Jahr. Mit einer Auflage von 1,5 Millionen Exemplaren gehört sie zu den größten Mitgliederzeitungen bundesweit.