Sozialverband VdK Deutschland e.V.
29. November 2012
VdK-Zeitung

Behinderung bedeutet nicht automatisch Hilflosigkeit

Nichtbehinderte wissen oft nicht, wie sie Menschen mit einem Handicap in alltäglichen Situationen begegnen sollen

Wer mit einer Behinderung lebt, will nicht nur an seinem Handicap gemessen werden. | © Imago

Wer mit einer Behinderung lebt, kennt diese Situation: Nichtbehinderte reagieren oft zögerlich und unsicher, wenn sie auf Menschen mit einem Handicap treffen. Das wissen auch die blinde Verena Bentele, VdK-Mitglied und mehrfache Paralympics-Siegerin im Biathlon, sowie der mehrfach körperbehinderte Uwe Adamczyk, Vertreter der jüngeren Generation im VdK-Landesverband Sachsen. Sie erzählen von ihren Erfahrungen.

Verena Bentele ist schnell unterwegs, nicht nur als ehemalige Spitzensportlerin, sondern auch im Alltag. Die Treppen zur Münchner U-Bahn läuft sie meist flinker hinunter als andere. "Es kommt regelmäßig vor, dass ich abrupt festgehalten werde, weil jemand glaubt, dass ich gleich stürze, nur weil ich blind bin", so die 30-Jährige. An manchen Tagen stört die junge Frau dieses Verhalten überbesorgter Mitmenschen. Dabei weiß sie, dass die meisten es nicht böse meinen, sondern solche Reaktionen Zeichen der eigenen Unsicherheit sind. Denn laut einer Umfrage der "Aktion Mensch" hat jeder dritte Deutsche keinen Kontakt zu Menschen mit Behinderung.

"Sie wissen oft nicht, wie sie mit Menschen, die augenscheinlich anders sind als sie selbst, umgehen sollen", erklärt Verena Bentele. Eine Sehbehinderung wie bei ihr werde dann fälschlicherweise mit Unvermögen oder Orientierungslosigkeit gleichgesetzt. Dabei kommen die meisten Menschen mit einer Behinderung besser zurecht, als andere glauben. Denn sie haben sich darauf eingestellt und nutzen Hilfsmittel wie einen Blindenstock oder einen Rollstuhl.

"Diese Menschen sind nicht behindert, sondern sie werden es durch ihre Umwelt", erklärt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher. Schon vor mehr als drei Jahren hat Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet. Gleichberechtigte Teilhabe wird darin gefordert. "Doch die ist noch lange nicht erreicht", so Mascher. Immer noch haben zu viele Menschen mit Behinderung Probleme beim Bahnfahren, insbesondere auf nicht barrierefreien Bahnhöfen, oder beim Besuch von Schulen, Universitäten, Arztpraxen, Kinos, Theatern, Museen und Gaststätten.
Und manchmal werden sie auch von ihren Mitmenschen behindert oder einfach aus Unsicherheit ignoriert. Verena Bentele erlebt dies zum Beispiel, wenn sie mit ihrer Mutter oder einer Freundin einkaufen oder essen geht. "Der Kellner fragt dann meine Freundin, was ich denn wünsche. Und die Verkäuferin wendet sich an meine Mutter, obwohl ich unmittelbar daneben stehe und nach einer Jacke in meiner Größe gefragt habe", so die Münchnerin.

Aber auch dieses Verhalten hat seinen Grund. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband hat in seinem "Ratgeber für den Umgang mit blinden Menschen" herausgearbeitet, weshalb manche so reagieren, wenn sie mit Blinden zu tun haben. Darin heißt es: "Sehende Menschen sind so stark an den Kontakt mit den Augen gewöhnt, dass sie sich unsicher fühlen, wenn er fehlt." Diese Behandlung, wie sie Verena Bentele schon öfter erlebt hat, komme einer Bevormundung gleich. Deshalb ist die oberste Regel im Umgang mit Menschen, die ein Handicap haben: Direkt fragen, ob und wie man helfen kann. Und auch nicht enttäuscht sein, wenn die angebotene Hilfe abgelehnt wird.

Uwe Adamczyk aus Zwickau, Vertreter der jüngeren Generation im VdK-Landesverband Sachsen, ist immer froh, wenn andere Menschen gesprächsbereit sind. Er wünscht sich manchmal, dass Erwachsene genauso offen sind wie Kinder. "Die fragen eben: ,Mama, der Mann hat ja keine Arme. Warum?‘", erzählt der 50-Jährige, der auch im Vorstand des VdK-Landesverbands Sachsen aktiv ist. Manchen Müttern seien solche Fragen sichtlich unangenehm, andere kämen über das Kind mit ihm ins Gespräch. "Es liegt zum Teil auch an mir selbst, wie andere Menschen auf mich reagieren", weiß der Sachse. Er hält nichts von übertriebener Empfindlichkeit. So störe es ihn beispielsweise nicht, wenn ihn jemand anstarrt oder in seiner Gegenwart Behindertenwitze erzählt. "Im Gegenteil, ich bin derjenige, der am lautesten darüber lacht", meint er.
Sein Rat an alle Nichtbehinderten: "Seid so normal wie möglich zu uns!" Denn Menschen mit Behinderung wollen das, was allen Menschen in der Gesellschaft zusteht: ihre Talente verwirklichen und an ihrem Können gemessen werden, nicht an ihren Defiziten. Das größte Problem, das Uwe Adamczyk sieht, sind die Barrieren im öffentlichen Leben. "Hier fängt Behinderung und Ausgrenzung an."

ikl

Schlagworte Behinderung | Gleichstellung | Diskriminierung | Hemmung | Hilflosigkeit | Menschen | Kontakt | Hilfsmittel | Berührungsängste | Alltag | Handicap

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