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26. April 2012
VdK-Zeitung

Einsatz für die Familie zählt für die Rente nur wenig

Erwerbsbiografien von Frauen bergen große Risiken für Altersarmut – VdK fordert mehr Anerkennung weiblicher Lebensleistung

Kinder, Küche, keine Rente – so lautet die Warnung, die sich aus einer aktuellen Studie der Freien Universität Berlin herauslesen lässt. Frauen ab Mitte 40 laufen demnach große Gefahr, im Alter arm zu sein. Doch noch ließen sich einige Hebel in Bewegung setzen.

Schon heute ist Altersarmut vor allem weiblich. Viele Frauen, die ihr Leben lang für die Familie da waren, vielleicht etwas hinzuverdient haben, kurz: ein ganz normales, gesellschaftlich akzeptiertes Leben geführt haben, müssen im Alter von der Hand in den Mund leben. Doch auch wenn mehr als zwei Jahrzehnte die heutigen Rentnerinnen von den Frauen aus den sogenannten Babyboomjahrgängen von 1962 bis 1966 trennen: Zwei Wissenschaftlerinnen aus Berlin warnen davor, dass auch die jüngeren Frauen große Gefahr laufen, im Alter arm zu sein.

Lebensläufe im Fokus

Prof. Barbara Riedmüller hat zusammen mit ihrer Mitarbeiterin Ulrike Schmalreck die Lebens- und Erwerbsverläufe von Frauen ab Mitte 40 in Deutschland unter die Lupe genommen. Denn für diese Altersgruppe könnten – den politischen Willen vorausgesetzt - heute tatsächlich die Weichen noch so gestellt werden, dass Altersarmut vermieden werden könnte. Die Studie der beiden Politikwissenschaftlerinnen von der Freien Universität Berlin, die vom Forschungsnetzwerk Alterssicherung der Deutschen Rentenversicherung Bund gefördert wurde, hat hohe Wellen in den Medien geschlagen. Und Riedmüller geht davon aus, dass das kompakte 120-Seiten-Werk hinter den Kulissen in der Politik derzeit für viel Diskussionsstoff sorgt. Denn erstmals werden alarmierende Zahlen vorgelegt, die deutlich machen, wie gering die Renten dieser Frauen ausfallen werden. Wer heute weiblich, Mitte 40 und berufstätig ist und aus den alten Bundesländern stammt, kann mit einer Rente von 622 Euro im Monat rechnen. Frauen aus dem Osten kommen auf 790 Euro. "Diese Beträge liegen deutlich unter dem Grundsicherungsniveau", kommentiert Riedmüller diese Ergebnisse, die sich auf Daten und Hochrechnungen der Deutschen Rentenversicherung stützen.

Die Gründe für die zu erwartende Altersarmut bei vielen Frauen haben die Wissenschaftlerinnen herausarbeiten können. Typisch für deren Erwerbsverläufe seien Niedriglöhne, Erwerbsunterbrechungen und Teilzeitarbeit wegen Familienversorgung sowie Zeiten der Arbeitslosigkeit. Alles Faktoren, die das weibliche Rentenkonto radikal schrumpfen lassen. Riedmüller warnt: "Verlassen Sie sich nicht auf den Mann als Versorger im Alter!" Auch hier lässt sie Fakten sprechen. Mehr als jede dritte heutige Ehe wird nach Angaben des Statistischen Bundesamts geschieden werden. Doch auch wer bis ins Alter verheiratet bleibt, profitiert immer weniger vom Einkommen des Mannes: Das Rentenniveau der Männer sinkt immer mehr, und auch die Witwenrenten werden immer kleiner.

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Noch nie sind die Chancen auf qualifizierte Beschäftigung für Frauen so gut gewesen wie heute. Dank der Bildungsoffensive seit den 1960er-Jahren in Westdeutschland erwerben immer mehr Frauen höhere Bildungsabschlüsse, mancherorts überholen Mädchen die Jungen sogar schon deutlich. Immer mehr Frauen sind heute erwerbstätig, immer mehr auch in guten, lukrativen Jobs. Doch leider gilt das nicht für alle und nicht immer für ein komplettes Frauenarbeitsleben. Seit den 1990er-Jahren lässt sich eine massive Ausweitung der Teilzeit- und Niedriglohntätigkeiten unter Frauen feststellen, und auch die Arbeitslosigkeit hat – besonders bei Ostfrauen – deutlich zugenommen. Auch sehr gut ausgebildete Frauen erreichen nach der Familienphase beim Wiedereinstieg selbst bei Vollzeittätigkeit nicht mehr das Einkommensniveau ihrer männlichen Altersgenossen. Bei gleicher Qualifikation, Berufserfahrung und Arbeitszeit verdienen Frauen zwölf Prozent weniger als Männer.

Teilzeittätigkeit ist ein weitverbreitetes Modell, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Allerdings gilt das vor allem für Frauen aus dem Westen. Frauen aus dem Osten profitieren von einem besseren Ausbau der Kinderbetreuung und gehen deshalb weit häufiger einer Vollzeittätigkeit nach. Prof. Barbara Riedmüller sieht die derzeitige Tendenz des Bundesarbeitsministeriums, für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie den Anteil der Teilzeitstellen auszuweiten, skeptisch: "Das entspricht immer weniger dem Selbstverständnis der Frauen." Sie plädiert stattdessen für den Ausbau der Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

Jetzt handeln

Aber das ist alles Zukunftsmusik. Die Frauen, die heute Mitte 40 sind, haben die Familienphase eigentlich hinter sich. Um für ihre Lebensrealität tragfähige Modelle für die Altersvorsorge zu schaffen, sieht Riedmüller durchaus Handlungsmöglichkeiten: Etwa, Teilzeittätigkeiten für die Rente höher zu bewerten, eine Mindestrente einzuführen oder die Grundsicherungsleistungen für Frauen im Alter anzuheben, wenn sie gearbeitet haben.

Das aktuelle Konzept der Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen für eine Zuschussrente hält die Wissenschaftlerin wie auch der Sozialverband VdK für kein effektives Instrument, um die Altersarmut einzudämmen: "Die Hürden sind viel zu hoch, die vorgesehenen Anrechnungszeiten erreichen die meisten Frauen nicht." Der im Zusammenhang mit der Zuschussrente propagierten, privaten Vorsorge von Frauen hat Riedmüller ein eigenes Kapitel gewidmet. Positiv sei, dass sehr viele Frauen "riestern", doch meist mit zu geringen Beiträgen oder großen Unterbrechungen, "das wird die Lücke im Alter nicht schließen können". Derzeit könne man Frauen deshalb eigentlich nur – etwas sarkastisch – raten: "So viel wie möglich arbeiten."

Der Sozialverband VdK fordert ein energisches Vorgehen gegen Frauenaltersarmut – der jetzigen und der künftigen. Dazu gehören eine bessere Berücksichtigung von Kindererziehungszeiten, auch für Kinder, die vor 1992 geboren wurden, und die Wiedereinführung der Rente nach Mindesteinkommen, von der bis 1992 gerade Frauen mit niedrigen Einkommen profitieren konnten. Auch die rentenrechtliche Gleichstellung von Kindererziehungszeiten und Zeiten der Angehörigenpflege zählt zum VdK-Forderungskatalog gegen weibliche Altersarmut. VdK-Präsidentin Ulrike Mascher will in dieser Hinsicht nicht lockerlassen: "Die Lebensleistungen von Frauen in Familie und Beruf müssen im Alter endlich viel mehr gewürdigt werden." (bsc)

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