28. Februar 2012
VdK-Zeitung

Das Leben wie ein Puzzle neu zusammenfügen

Wie Erinnerungen Menschen mit Demenzerkrankungen dabei helfen können, sich mehr Lebensqualität zu bewahren

Das Hier und Jetzt verschwimmt. Vergangenes versinkt immer mehr im Nebel. So oder ähnlich geht es mehr als 1,3 Millionen Demenzkranken in Deutschland. Sie leiden an dem Verfall ihrer geistigen Fähigkeiten, der unaufhaltsam voranschreitet und für den es bisher noch

keine Heilung gibt. Umso wichtiger ist es, Betroffenen ein würdevolles Leben mit der Krankheit zu ermöglichen. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte spielt dabei eine wichtige Rolle.

Seine Geschichte berührt ganz Deutschland: Fußball-Manager, Schalke-Legende und "Werbe-Macho" Rudi Assauer hat seine Alzheimer-Erkrankung öffentlich und damit vielen Betroffenen und ihren Angehörigen Mut gemacht, Demenz nicht länger zu tabuisieren.

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Gesichter der Demenz

Laut Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft trifft die Diagnose Demenz jedes Jahr rund 300.000 Menschen. Leidet von den 65-Jährigen etwa ein Prozent an einer diagnostizierten Demenz, sind es bei den über 80-Jährigen schon mehr als 13 Prozent. Mit jedem weiteren Lebensjahr steigt der Anteil der Demenzpatienten, bei den 90-Jährigen ist es schon jeder Dritte. Laut "Demenz-Report" 2011 des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung könnte es wegen der steigenden Lebenserwartung in 20 Jahren in einigen Regionen Deutschlands doppelt so viele Demenzkranke wie heute geben.

An Alzheimer – einer besonderen Form der Demenz – leiden so wie Rudi Assauer rund 800.000 Menschen in Deutschland. Etwa zwei von drei Menschen mit krankhaften Gedächtnislücken und Orientierungsproblemen im Alltag sind von der klassischen Alzheimer-Demenz betroffen. Am zweithäufigsten finden Ärzte die vaskuläre Demenz, bei der stumme Infarkte in den Hirngefäßen die Gedächtnisregionen im Gehirn schädigen.

Demenz hat viele Gesichter. Jeder Betroffene erlebt die Symptome anders. Doch so unterschiedlich die Krankheitsverläufe sind, so individuell sollten auch Behandlungs- und Betreuungsmodelle sein. Nach jetzigem Stand der Medizin können Ärzte allenfalls die Auswirkungen der durch Demenz einhergehenden Gehirnzerstörung geringfügig verzögern und einige Begleiterscheinungen mildern.

Der Umgang mit Dementen erfordert viel Zeit und Geduld. Viele müssen rund um die Uhr betreut werden. Doch wenn ein naher Verwandter diese Krankheit hat, steht es für viele Angehörige außer Frage, den Ehemann, die Mutter oder den Bruder auf seinem schweren Weg zu begleiten. Angehörige sind zudem das Bindeglied zwischen professionellen Betreuern und dem Kranken. Denn sie wissen am meisten über ihn und sein Leben. Dieses Wissen kann in der Betreuung Demenzkranker gezielt genutzt werden.

Biografiearbeit ist eine tragende Säule im Umgang mit dementen Menschen. Denn sie können sich oft nicht mehr äußern, sind verwirrt und machen Dinge, die andere nicht verstehen und sie oft verunsichern, gar erschrecken. Erinnerungen aus dem Leben der Kranken können ein Ansatzpunkt sein, um miteinander in Kontakt zu kommen. "Menschen mit Demenz haben sehr feine Antennen und merken schnell, ob ihr Gegenüber ehrliches Interesse an ihnen zeigt", so Carola Gospodarek, Leiterin einer Gerontopsychiatrischen Tagespflege und Vorstandsmitglied der Alzheimer Gesellschaft in Berlin. Aus ihrer täglichen Arbeit kennt sie viele Beispiele, wie Biografiearbeit die Betreuung von Dementen einerseits erleichtert, den Betroffenen andererseits das Leben mit der Krankheit erträglicher macht.

Angenehme Gefühle

Da ist beispielsweise der Mann, der unwillig reagiert, wenn er bei der Gymnastik mitmachen soll. Als die Ehefrau erwähnt, dass ihr Mann zeitlebens nie gern Sport getrieben hat, können die Betreuer die Reaktion des Kranken verstehen und versuchen, ihn jetzt anders zu motivieren, um ihm Erfolgserlebnisse zu verschaffen. Gerade für Menschen mit Demenz ist es wichtig, zu erleben, dass sie noch gebraucht werden und durchaus noch vieles können. Sie benötigen genauso wie ein gesunder Mensch Erfolge im Alltag. "Es geht darum, mit bestimmten Reizen gezielt Sinne anzuregen und darüber mit dem Menschen in Kontakt zu kommen", erklärt Carola Gospodarek das Anliegen der Biografiearbeit. Ziel ist es, Erinnerungen zu wecken. Denn das Gedächtnis funktioniert auch über Gefühle, nicht nur über den Verstand. Werden bestimmte Reize ausgesendet – das kann ein Duft sein, eine Melodie oder auch das Lieblingsgericht – weckt das Emotionen. Das ist bei Gesunden so, aber eben auch bei Demenzkranken.

"Wenn wir viel über einen Menschen wissen, können wir Reize setzen, die angenehme Gefühle und damit auch angenehme Erinnerungen hervorrufen", erklärt die Leiterin der Berliner Tagespflegestätte. Dann fühlen die Kranken, die oft unter Druck stehen, weil sie Angst haben, etwas falsch zu machen oder nicht verstanden zu werden: Hier geht es mir gut. Hier bin ich sicher. (ikl)

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Info:

Ist man gesund, macht man sich keine Gedanken über die eigenen Vorlieben und Abneigungen. Man kennt sie ja. Menschen, die an Demenz leiden, vergessen diese Selbstverständlichkeiten schnell. Biografische Notizen vor der Krankheit schaffen eine Erinnerungsbrücke und können im "Ich-Pass" festgehalten werden. Ob die Lieblingsspeise, Hobbys oder andere Besonderheiten – im Fall der Fälle können solche Notizen aus dem Leben den Betreuern eine große Hilfe sein. Den "Ich-Pass" im Passformat gibt es in zwei Ausführungen, die Kurzversion kostet sechs Euro. Bestellungen werden telefonisch unter (05 21) 56 05 22 31 und im Internet unter www.weltinnenraum.de entgegengenommen. Den "Ich-Pass" gibt es auch im Buchhandel (Ich-Pass, Sigrid Hofmaier, Verlag Kamphausen, ISBN 978-3-899-01307-8).
Mehr Infos: www.ich-pass.de

Wie lässt sich der Alltag mit Demenzkranken sinnvoll gestalten? Die Broschüre "Miteinander aktiv" der Deutschen Alzheimer Gesellschaft richtet sich vor allem an Angehörige und Ehrenamtliche, die Menschen mit Demenz betreuen. Sie gibt Anregungen und Hilfestellungen für den Alltag, in die auch viele Erfahrungen von betroffenen Angehörigen eingeflossen sind. Die Broschüre kostet vier Euro und kann bei der Deutschen Alzheimer Gesellschaft unter Tel: (0 30) 25 93 79 50 und E-Mail: info@deutsche-alzheimer.de bestellt werden.

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In unserer beliebten Serie "So hilft der VdK" berichten wir in der VdK-Zeitung regelmäßig über echte Fälle aus der Sozialrechtsberatung unserer VdK-Landesverbände. | weiter
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