26. April 2017

Kommentar: Eine Chance verdient

Armut betrifft immer die ganze Familie. 600.000 Kinder leben in Deutschland in „absoluter Armut“. Das heißt beispielsweise, dass sie nicht einmal jeden zweiten Tag eine vollständige Mahlzeit bekommen.

Jeder Dritte in den Schlangen an den Lebensmitteltafeln ist noch nicht volljährig. Mit Hunger im Bauch kann man aber nicht ordentlich lernen und gesund groß werden. Eine glückliche Kindheit sieht sicher anders aus.

Über zwei Millionen Kinder und Jugendliche leben von Sozialleistungen. Insgesamt steigt deren Zahl sogar an. Leider nicht vorübergehend: Für fast die Hälfte der sieben- bis 15-Jährigen Bezieher ist „Hartz IV“ ein Dauerzustand, sie leben schon seit vier und mehr Jahren davon.

„Bekämpfte Armut“ heißt es im Politiker-Vokabular, wenn Bedürftige mit Sozialleistungen versorgt sind. „Bekämpft“ ist derzeit bei Kindern nach meiner Meinung gar nichts. Nur die ärgste Not wird mit dem dürftigen Regelsatz gelindert. Auch das Hartz-IV-„Bildungspaket“ bietet nur bürokratieüberladene Mini-Leistungen.

Sozialforscher wissen, dass es nicht allein der finanzielle Mangel ist, der armen Kindern das Leben schwer macht. Sie sind oft chronisch krank, sind seltener Mitglied im Sportverein, erleben zu Hause und in ihrer Umgebung oft Gewalt und besuchen kaum höhere Schulen. Dass es nicht jeder schaffen kann, trotz einer solch großen Bürde später im Leben erfolgreich zu sein, liegt meiner Meinung nach auf der Hand. Deshalb wird Armut leider so oft „vererbt“.

Bildungsexperten sind sich einig, dass strukturelle staatliche Förderung ein Mittel ist, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Seit der alarmierenden Pisa-Studie im Jahr 2.000 wurden entsprechende Anstrengungen unternommen.

Der „Chancenspiegel Schule“ der Bertelsmann-Stiftung zeigt, dass insbesondere der Ausbau von Ganztagsschulen und die Förderung inklusiven Unterrichts bereits Früchte trägt. So sank seit 2002 der Anteil der Schüler ohne Hauptschulabschluss von 9,2 auf heute 5,8 Prozent.

Diesen Weg müssen wir weitergehen – aber viel schneller! Der Sozialverband VdK fordert einen raschen flächendeckenden Ausbau von Ganztagsschulen. Im derzeitigen Tempo bräuchte es noch mindestens 30 Jahre, bis es für jeden Schüler einen Ganztagsplatz gibt, hat die Bertelsmann-Stiftung ausgerechnet. So viel Zeit haben aber die Kinder nicht, die heute hungrig zur Tafel gehen. Jedes Kind hat seine Chance verdient. Das verstehe ich unter „bekämpfter Armut“.


Soziale Spaltung stoppen! - Armut (UT)

Version mit Untertiteln: Über 16 Millionen Menschen sind in Deutschland von Armut oder sozialer Ausgrenzung bedroht. Besonders betroffen sind Kinder, ältere, alleinerziehende und langzeitarbeitslose Menschen. Der Sozialverband VdK fordert: Armut muss bekämpft werden!

Ulrike Mascher

Schlagworte Ulrike Mascher | Armut | Kinderarmut | absolute Armut | Kommentar | Bildungschancen | Schulen | Armutsbekämpfung

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