27. März 2017

Rollstuhlrugby: Rasanter Sport mit Reha-Effekt

Rollstuhlrugby ist ein spezieller Mannschaftssport für Querschnittsgelähmte

Mannschaftssport bietet neben der Bewegung auch Gemeinschaftsgefühl und Ablenkung vom Alltag. Für Menschen, die vom Oberkörper aus abwärts gelähmt sind, gibt es einen eigenen Sport, der rasant ist, taktisches Geschick verlangt, großen Spaß macht und dazu die Gesundheit der Schwerbehinderten stärkt: Rollstuhlrugby.

Spieler des Münchner Rollstuhlrugby-Teams "Munich Rugbears" beim Training. | © Foto: Sebastian Heise

Rums. Zwei Rollstühle krachen zusammen. Ein Spieler versucht, mit einer Hand dem anderen den Ball abzujagen. Doch dieser schafft es gerade noch, den Ball zu einem Mitspieler zu werfen, der an ihm vorbeifährt. Dieser fängt den Ball, legt ihn sich blitzschnell auf den Schoß und rollt mit großem Tempo ans Ende der Halle. Punkt für seine Mannschaft.

„Sieht ein bisschen aus wie Autoscooter“, sagt Fabian Müller, der seit neun Jahren Rollstuhlrugby betreibt. Mit den „Munich Rugbears“, einer Abteilung des Münchner Sportvereins TSV Milbertshofen, spielt der 33-Jährige in der Bundesliga. Zwei- bis dreimal in der Woche trainiert er in München und in Augsburg. An mehreren Wochenenden im Jahr fährt er mit seinem Team quer durch Deutschland zu Spieltagen und Turnieren. Bei dem Spiel versuchen zwei Mannschaften mit je vier Spielern, den Ball, ähnlich einem Volleyball, in die gegnerische Endzone zu bringen.

Müller schätzt an dem Sport „die Mischung aus Taktik und Körperlichkeit“. So muss man beim Rollstuhlrugby ständig mitdenken, die beste Position finden, sich im Angriff immer wieder frei rollen und in der Abwehr den Gegner ausbremsen und blockieren. Durch die ständige Bewegung mit dem Rollstuhl wird Ausdauer und Kraft trainiert. Müller spricht von einem enormen „Reha-Effekt“. Neben dem gesundheitlichen Aspekt kommt beim Rugby das Gemeinschaftserlebnis mit anderen Rollstuhlfahrern und Betreuern dazu. Gerade in der ersten Zeit nach seinem Badeunfall, bei dem er sich den Querschnitt am Halswirbel zuzog, konnten ihm die anderen Spieler zahlreiche Tipps für den Alltag geben.

Betreuer und Abteilungsleiter ist Franz Hund, der auch Mitglied im Sozialverband VdK ist. Sein Sohn Johannes Hund verletzte sich ebenfalls bei einem Badeunfall so schwer, dass er im Rollstuhl sitzt. Auch ihm hat der Sport sehr geholfen bei der Umstellung auf das Leben als Schwerbehinderter.

Die Munich Rugbears fahren regelmäßig in die Unfallklinik Murnau, um Patienten ihren Sport vorzustellen. VdK-Mitglied David Müller kam bei seinem Aufenthalt in der oberbayerischen Klinik ebenfalls zum Rugby. Nach dem schweren Trauma habe er so gemerkt, „dass ich mit meinem Körper doch noch etwas leisten kann“.

Das Spiel ist geprägt von Geschicklichkeit, Schnelligkeit und Taktik. | © Foto: Sebastian Heise


Carolin Budeners setzt als Physiotherapeutin in Murnau Rollstuhlrugby gerne als Rehamaßnahme ein. „Es gibt auch andere passende Sportarten“, sagt sie. So könne man beispielsweise mit einem Handbike sehr gut zyklische Bewegungen sowie die Muskulatur trainieren. Beim Rollstuhlrugby würde durch die vielen schnellen Drehungen die Beweglichkeit sowie durch die ständigen Sprints die Schnellkraft trainiert. Daneben sei Teamsport wegen der Resozialisierung sehr gut.

Wer Rollstuhlrugby betreiben will, braucht einen speziellen Rollstuhl, der besonders stabil gebaut ist. Die Räder sind voll verkleidet, die Reifen extrem stark aufgepumpt, und ein Kippschutz sorgt dafür, dass man nicht nach hinten fallen kann. Rund 8000 Euro kann so ein Rugbyrollstuhl kosten. Die Vereine bieten neuen Mitspielern im Normalfall Rollstühle zur Probe an. Außerdem kann ein Querschnittsgelähmter versuchen, das Sportgerät als Rehamaßnahme von der Krankenkasse bewilligt zu bekommen. Dabei können auch die Sozialrechtsberater des VdK helfen.

Ein Vorzug ist, dass Menschen mit verschieden stark ausgeprägten Einschränkungen miteinander spielen können. So hat ein Spieler je nach Ausprägung der Behinderung zwischen 0,5 und 3,5 Punkte. Insgesamt dürfen die vier Spieler auf dem Feld 7,0 Punkte haben, sodass beide Teams das gleiche Handicap haben. Auch Frauen und Männer über 50 Jahre spielen mit. Sie sind zwar nicht so schnell, gleichen das aber oft durch taktisches Geschick aus. 

Infos über Rollstuhlrugby, die Regeln, Termine sowie Kontaktadressen und Webseiten der Vereine im Internet unter: www.rollstuhl-rugby.de


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Sebastian Heise

Schlagworte Rugby | Rollstuhl | Behindertensport | Behinderung | Querschnittslähmung | Rollstuhl-Rugby | Sport | Menschen mit Behinderung | Mannschaftsport

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