Sozialverband VdK Deutschland e.V.
1. Oktober 2013

Lebenswert Wohnen im Alter - Bedarfsgerechte Gestaltung von seniorengerechten Städte und Gemeinden

Ende September 2013 trafen sich engagierte haupt- und ehrenamtliche VdK-Mitglieder aus dem gesamten Bundesgebiet zu einem zweitägigen Seminar in Oberwinter, um sich über Wohnen im Alter und mit Behinderung, insbesondere unter Berücksichtigung von Inklusion und demografischem Wandel, zu informieren und über Verbesserungsmöglichkeiten und Umsetzungsstrategien in den Städten und Gemeinden zu diskutieren.

Das Präsidium des Sozialverbands VdK Deutschland befasse sich seit zwei Jahren verstärkt mit Wohnen im Alter und technischen Assistenzsystemen, begrüßte Roland Sing, Vizepräsident des Sozialverbandes VdK Deutschland und AAL-Beauftragter des VdK-Präsidiums, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Die mit dem Wohnen im Alter zusammenhängenden Fragen seien Satzungsauftrag des Verbandes und damit hochrelevant. Auch Pflege und Barrierefreiheit gehörten schon seit langem zum Aufgabenspektrum des VdK, bestätigte Sing.

Was bedeutet "AAL"?

Die Abkürzung AAL steht für den englischen Begriff "Ambient Assisted Living", auf Deutsch sinngemäß: "umgebungsunterstütztes Leben" oder "selbstbestimmtes Leben durch innovative Technik".

Der Bedarf an Orientierung und Information sei groß, deshalb sei es wichtig, sich vor Ort mit Wohnraumberatungsstellen zu vernetzen, die eine entsprechende Beratung anbieten. Wohnen im Alter sei aber auch eine wichtige Ergänzung des Informations- und Dienstleistungsangebots des VdK, erläuterte Sing. Mittlerweile gebe es immer mehr Assistenzsysteme, die das Leben zu Hause erleichtern. Alltagsunterstützende Technologien, wie zum Beispiel Lichtleisten oder sich selbst abschaltende Hausgeräte, müssen nicht teuer sein. Der VdK sehe es als seine Aufgabe an, auf die Bezahlbarkeit derartiger Angebote zu achten und dafür zu streiten, dass sie allen, unabhängig von der Geldbörse, zugutekommen können, so Sing. Der demografische Wandel sei eine der größten Herausforderungen unserer Gesellschaft, der wir uns schon heute stellen müssen.

Bedürfnisse der Menschen in den Kommunen

Um Umsetzungsstrategien entwickeln zu können, sei es erforderlich, sich einen Überblick über die Situation in der eigenen Stadt und Kommune und über die Bedürfnisse der Menschen zu verschaffen, bekräftigte Wolfgang Wähnke von der Bertelsmann Stiftung. Auf Internetseiten wie "www.wegweiser-kommune.de oder www.sozialplanung-senioren.de, aber auch bei den statistischen Landesämtern, könne sich jeder Interessierte über die aktuelle und künftige Bevölkerungsentwicklung in der eigenen Kommune informieren. Neben dem Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (BMVBS) fördere das Bundesfamilienministerium mehr als 300 verschiedenste Projekte für ältere Menschen, die als gute Praxisbeispiele und Lösungsmöglichkeiten auch in ländlichen Bereichen dienen können.

Laut Bevölkerungsentwicklung werde es einen Rückgang der Bevölkerung bis 2030 um 3,7 Prozent geben und jeder zweite älter sein als 49 Jahre. Die steigende Lebenserwartung brächte auch einen Zuwachs an Pflegebedürftigen. Die Zahl der Hochbetagten mit höherem Pflegebedarf steige sogar um 59,1 Prozent an, erläuterte der Referent die aufgezeigte DESTIS-Statistik. Von den 2,34 Millionen Pflegebedürftigen würden derzeit 69 Prozent von Ihren Angehörigen oder zusammen mit dem ambulanten Pflegedienst zu Hause versorgt.
Doch die Angehörigenpflege sei durch sinkendes familiales Pflegepotential rückläufig. Die "Pflegeschere" hinsichtlich der Pflegebedürftigen und des informellen Pflegepotentials werde immer größer. Hier seien die Kommunen gefragt, insbesondere im Bereich der Aufklärung und Vernetzung aktiv zu werden.

Seniorenpolitik ist mehr als Pflege

Doch "Seniorenpolitik ist mehr als Pflege", so Wähnke. Die steigende Nachfrage nach seniorengerechten Angeboten in den Bereichen Wohnen, Gesundheit, Pflege, Kultur, Mobilität ebenso wie die sich veränderten Ansprüche an das städtische Leben und nach barrierearmen Kommunen verlange nach Einsetzung aller Akteure und Ressorts. Eine zukunftsorientierte Seniorenpolitik benötigt Ressourcen, werde oft aber als Streichposten gesehen. Seniorenpolitik sollte Chefsache sein und eine breite politische Unterstützung erhalten. Zukunftsorientierte Seniorenpolitik schaffe eine Win-Win-Situation für alle Generationen und sei ein Beitrag zur Generationengerechtigkeit.

Selbstbestimmtes Wohnen im vertrauten Wohnumfeld

In ihrem Vortrag zum Wohn- und Quartierskonzept im Alter zeigte Ursula Kremer-Preiß vom Kuratorium Deutsche Altershilfe verschiedene Beispiele für Wohnformen und gemeinschaftliches Zusammenleben auf. Ziele von Quartierskonzepten seien die Erhaltung des selbstbestimmten Wohnens im vertrauten Wohnumfeld und die Stärkung von Eigeninitiative und gegenseitiger Hilfe. Neben einer generationengerechten räumlichen Infrastruktur mit bedarfsgerechten Wohnangeboten und wohnortnahen Beratungs- und Begleitungsangeboten gehörten zu einem altersgerechten Quartier auch bedarfsgerechte Dienstleistungen, ebenso wie eine tragende soziale Infrastruktur und ein wertschätzendes gesellschaftliches Umfeld.

Strukturveränderungen seinen auch in der Altenhilfe und den Pflegeeinrichtungen notwendig, so Preiß. Soziale Nahräume müssten generationengerecht gestaltet werden. Das Ziel sei ein Wechsel von der Versorgungs- zur Mitwirkungsgesellschaft.

Alltagsunterstützende Technologien im Alltag

Wie mit alltagsunterstützenden Technologien der häusliche Alltag auch im Alter gut gemeistert werden kann, zeigte anschließend die VdK-Expertin für AALAmbient Assistent Living -, Birgid Eberhardt. Neben komfortablen Sicherheits- und technische Unterstützungshilfen für das Auto, wie beispielsweise Einparkhilfen und Bremsassistenz, und verschiedenen Notfallerkennungs- und Verletzungsverhinderungsmaßnahmen, wie Airbag oder GPS, durch das die Position übermittelt werden kann, gebe es mittlerweile auch viele technische Assistenzhilfen im Alltag für Haushalt und Küche. Obwohl es ebenso viele Haushalte wie Autos gebe - etwa 41 Millionen -, starben 2010 um 3.657 Menschen im Straßenverkehr, aber 7.526 Menschen im Haushalt, davon 6.523 im Alter von über 65 Jahren.

Vor diesem Hintergrund stellte AAL-Expertin Birgid Eberhardt die Frage, warum die Wohnungen nicht ähnlich intelligent sein sollten wie Autos und ebenso selbstverständlich mit einer Notrufzentrale verbunden. An zahlreichen Beispielen zeigte Eberhardt auf, dass technische Unterstützung und Sicherheit auch in den eigenen vier Wänden heute schon umsetzbar ist.


VdK-TV: Intelligent Leben, Teil 1 - Assistenzsysteme für zu Hause

1. Teil unserer Serie zum Thema "AAL" (Ambient Assisted Living) - technische Hilfsmittel für zu Hause

Barrierefreies Wohnumfeld ist wichtig

Zu einem alltagsgerechten Wohnumfeld gehöre auch ein barrierefreies Wohnumfeld, bestärkte Horst Gunnesch vom Sozialverband VdK Hessen-Thüringen. In seinem Vortrag erläuterte er die Begrifflichkeit der Barrierefreiheit und ging auf die UN-Konvention und das Verständnis von Inklusion ein.
Neben der Aufklärung über Hilfsmittel sei die Wohnberatung und die Information über Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten eine wichtige Voraussetzung für die Umsetzung von barrierefreien Wohnanpassungsmaßnahmen. Dies verlange zudem qualifizierte Berater. Am Beispiel der Wohnberatung des Sozialverband VdK Hessen-Thüringen zeigte der Referent, wie eine fachliche Beratung umgesetzt werden kann. Neben dem Ausbau von Wohnberatungsstellen müsse auch die Netzwerkarbeit mit den Kommunen weiterentwickelt werden, so Gunnesch.

Bedarfsgerechte, ortsnahe und vielfältige Infrastruktur als Ziel

Im Rahmen seines Vortrages über die kommunale Pflegestrukturplanung erläuterte Thomas Pfundstein von der Landeszentrale für Gesundheitsförderung in Rheinland-Pfalz e.V. Praxisbeispiele aus seinem Bundesland. In Anbetracht der steigenden Zahl der Pflegebedürftigen und wachsenden Zahl von Demenzerkrankten, sowie vor dem Hintergrund des strukturellen Wandels in den Familien und der stagnierender Beteiligung von pflegenden Angehörigen, seien ein offener Dialog und eine Beteiligung sowohl der Verantwortlichen in den Städte und Gemeinden als auch mit den Sozialeinrichtungen- und Verbänden, aber auch der Wirtschaft erforderlich. Ziel müsse die Umsetzung einer bedarfsgerechten, ortsnahen und vielfältigen Infrastruktur sein. Im Rahmen einer Sozialraumorientierung könnten Bedarfe aufgezeigt werden, wo Hilfe gebraucht wird. Als Netzwerk der Zukunft sieht der Referent zudem ein Hilfemix, welches sich trägt durch Familien, Nachbarn, Engagierte und Professionen.

Aufgabe der Servicestelle für kommunale Pflegestrukturplanung und Sozialraumentwicklung sei, neben der Beratung, dem Informationsaustausch, der Fortbildung und Vernetzung, auch die Unterstützung bei der Entwicklung von Handlungskonzepten. Wichtig sei es, nicht für, sondern mit den Bürgern zu planen vor dem Hintergrund der Frage "Wie wollen wir leben? Who cares?", bestärkte der Referent.

Alle Lebenslagen im Alter mit einbeziehen

Auch Christa Koch, Koordinatorin für die Seniorenarbeit der Stadt Rheine, plädierte dafür, dass für eine Neuausrichtung der kommunalen Sozialpolitik für ältere Menschen im Sinne einer kommunalpolitischen Gesamtverantwortung alle Lebenslagen im Alter einbezogen werden müssen. Sie dürfe sich nicht nur auf die klassischen, hilfeorientierten Bedarfslagen älterer Menschen, sondern auf alle Lebenslagen im Alter beziehen. Ziel sei, so Koch, die soziale Gestaltung der Gesamtheit der Lebensverhältnisse einer insgesamt alternden Gesellschaft auf kommunaler Ebene. Koch zeigte auf, wie sich ein barrierefreier Zugang im öffentlichen Verkehr gestalten lässt und welche Standards in öffentlichen Gebäuden umgesetzt werden können. In der von der Stadt Rheine veröffentlichen Broschüre "Die seniorengerechte Stadt", die auch im Internet kostenlos unter www.rheine.de/seniorenbroschuere heruntergeladen werden kann, werden zudem zahlreiche Beispiele für die Infrastruktur im Stadtteil aufgeführt, wusste die Referentin zu berichten.
Vor dem Grundgedanken der Teilhabe und Partizipation der älteren Gesellschaft sollten die Kommunen offen sein für neue Impulse und Ideen, so Koch. Es gelte, alle Akteure aus Verwaltung, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft an den Tisch zu bringen und gemeinsam zu überlegen, welche Schritte für die jeweilige Stadt und Gemeinde wichtig sind.

Logo mit der Aufschrift Gefördert durch die Glücksspirale

Heidemarie Wenda

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