1. Juni 2012

Alle unter einem Dach: Hier ist jeder für jeden da

Das Wohnprojekt Allmeind in Regensburg vereint mehrere Generationen – Jung und Alt unterstützen sich im Alltag

Zielstrebig läuft Quirin den Flur entlang, die Treppen hinauf, biegt um die Ecke und zeigt auf eine Tür am Ende eines lichtdurchfluteten Gangs. "Hier wohnen Uta und Manfred", sagt der Dreijährige. Von unten dringt Kinderlachen durch die gläsernen Lamellen ins zweite Geschoss. Quirin schielt in den Garten und sieht seine Freunde auf dem großen Trampolin toben. Plötzlich hat er es ganz eilig.

"Die Kinder sind im ganzen Haus daheim", sagt Uta Hildt, Vorsitzende des Bewohnervereins Allmeind und selbst Bewohnerin der ersten Stunde. "Allmeind" steht für "alle miteinander" und bedeutet dem niederdeutschen Wortursprung nach so viel wie "gemeinschaftlich zu nutzendes Eigentum". Eine mehr als treffende Beschreibung für das Mehrgenerationenwohnprojekt in Burgweinting, knapp vier Kilometer von Regensburgs Altstadt entfernt.

Das Zentrum des L-förmigen Gebäudes mit insgesamt 31 Mietwohnungen sind der gemeinsame Garten und der rund 100 Quadratmeter große Gemeinschaftsraum, der in einem Bungalow untergebracht ist. "Freitags kommen wir hier zum Kaffeeklatsch zusammen", erzählt Uta Hildt. Der wöchentliche Kaffeeklatsch war einer der ersten regelmäßigen Treffpunkte für alle Bewohner der Allmeind, "eine Idee, die gut angekommen ist".

Sowieso sei das Leben in einem Mehrgenerationen-Wohnprojekt ein weites Experimentierfeld, das allen Bewohnern Raum zur Gestaltung lasse, erklärt die 63-Jährige. Denn: "Ein allgemeingültiges Rezept gibt es nicht." So unterstützen sich die knapp 60 Bewohner ganz unterschiedlich. Die älteste Seniorin etwa kocht mit ihren 82 Jahren einmal in der Woche für das neunjährige Nachbarskind, weil die Mutter erst später von der Arbeit kommt. Eine ältere Frau wiederum fährt hin und wieder ins Milchwerk und bringt allen, die möchten, Käse mit. Und bei der Familie Blank-Friedrich essen mindestens drei- bis viermal in der Woche mehrere junge Familien gemeinsam zu Abend. "Es ist schön, von der Arbeit nach Hause zu kommen und Freunde am Tisch sitzen zu haben", beschreibt Sebastian Friedrich das Lebensgefühl im Haus.

Der rustikale Esstisch im hellen Wohnzimmer der vierköpfigen Familie ist der Mittelpunkt ihrer Vier-Zimmer-Wohnung. Mit Gebrüll stürmen der sechsjährige Cosmas und der dreijährige Quirin ins Zimmer, hüpfen vom Sofa in ein Meer aus Kissen und machen es sich schließlich auf dem Balkon bequem, um die Reste der Kindergartenbrote zu verspeisen. Anna Blank schaut derweil nach ihren frisch angepflanzten Kräutern. Vom Balkon aus hat sie das große Trampolin gut im Blick. "Manchmal ist es aber besser, wenn man nicht alles sieht, was die Kinder so machen", sagt die 32-Jährige und lacht. Doch die meiste Zeit seien die zwei Jungs sowieso irgendwo im Haus oder Garten unterwegs. "Wer hier Kinder hat, hat keine Türen."

Die jungen Eltern haben sich bewusst für diese offene Wohnform entschieden. In dem kleinen Dorf, in dem sie vorher lebten, hatten sie kaum Kontakt zu den Nachbarn. "Das wollte ich nicht mehr", sagt Anna Blank, ihr 34-jähriger Partner nickt zustimmend. Als die beiden von dem Mehrgenerationen-Wohnprojekt in Burgweinting erfuhren, bewarben sie sich für eine Wohnung. Die Studenten hatten Glück und konnten zur Eröffnung des Hauses im Februar 2009 in eine von neun sozial geförderten Wohnungen in der Allmeind einziehen – eine der Besonderheiten des Wohnprojekts. So gibt die Allmeind auch denjenigen die Chance, generationenübergreifend zu leben, die sich das sonst finanziell nicht leisten können. Grundsätzlich halten sich die Preise für die Wohnungen an den Regensburger Mietspiegel für Neubauten.

Alle Bewohner sind Mieter

Apropos: Die Bewohner des Mehrgenerationen-Wohnprojekts sind allesamt Mieter. "So sind wir alle gleichwertige Geschäftspartner", sagt Uta Hildt. Dies sei ein großer Vorteil und einer der Gründe, weshalb das Wohnprojekt Allmeind so gut angelaufen sei und nach wie vor gut funktioniere. Sehr viel Glück habe der Verein gehabt, als sich das Katholische Wohnungsbau- und Siedlungswerk Regensburg bereit erklärt hat, das Projekt in enger Zusammenarbeit mit dem Verein zu realisieren. "Deshalb dauerte es nur drei Jahre, bis wir einziehen konnten", erklärt die 63-Jährige. Zwei Drittel der heutigen Bewohner hat die Entstehung des Wohnprojekts miterlebt, "das schweißt zusammen".

Cosmas und Quirin haben ihre Brote inzwischen verdrückt und wischen sich die Krümel aus den verschmierten Gesichtern. Am liebsten essen die beiden Pfannkuchen. "Die bei Emma und Frieda gestern waren total lecker", erzählt Quirin. Die Nachbarskinder hatten ihn spontan zum Essen eingeladen. "Die Kinder im Haus sind wie Geschwister", erklärt Anna Blank. Cosmas bestätigt das: "Ich will hier nie mehr wegziehen." Das geht den meisten Bewohnern so, die das generationenübergreifende Wohnen schätzen und lieben gelernt haben. Sogar die Unterbringung einer Pflegekraft für die älteren Bewohner wäre denkbar, damit die Allmeind-Senioren so lange wie möglich bleiben können.

Gibt es einmal Bedarf, wird das Thema wie alle Anliegen im Haus bei den regelmäßigen Bewohnerversammlungen besprochen. Hier wird auch beraten, wenn ein Neueinzug ansteht. Denn die Generationen sollen im Gleichgewicht bleiben, also idealerweise ein Drittel der Bewohner bis 40 Jahre alt sein, ein Drittel bis 60 Jahre und ein Drittel über 60 Jahre.

Uta Hildt und Manfred Röhrl haben das "soziale Abenteuer" gewagt und ihr Wohnglück gefunden. Im Flur ihrer Wohnung fällt ein gerahmter Spruch ins Auge. "Fünf sind geladen, zehn sind gekommen, gieß Wasser zur Suppe, heiß alle willkommen", steht da in gestickten Lettern. Und trotzdem: In der Allmeind darf auch jeder mal seine Türe zumachen. (cfs)

Weiterlesen:

Mit mehreren Generationen unter einem Dach leben. Was das bedeutet, wie man das passende Projekt findet und was sonst noch zu beachten ist, erläutert Sozialwissenschaftler Dr. Josef Bura, Vorsitzender des Vereins Forum Gemeinschaftliches Wohnen. | weiter
01.06.2012

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