Alt und Jung helfen sich gegenseitig

Sozialverband VdK Niedersachsen-Bremen - Solidarität macht stark!
 
Dienstag, 23.03.2010

Alt und Jung helfen sich gegenseitig

Soziologieprofessorin: "Staat verlagert immer mehr Lasten in die Privatsphäre"

Junge Familien, bei denen beide Elternteile berufstätig sind, kennen das: Wer geht mit den Kindern am Nachmittag ins Kino oder in die Eisdiele? Bei den Senioren gibt es ähnliche Probleme: Wer bringt die alte Frau zum Arzt? Wer unternimmt mit dem pensionierten Nachbarn einen Theaterbesuch? Die Samtgemeinde Neuenhaus in der Grafschaft Bentheim will ihren Bürgern nun einen Service bieten, der solche Probleme löst und gleichzeitig das Gemeinschaftsgefühl unter den Bürgern stärkt. «Jung hilft Alt - Alt hilft Jung» heißt das Mehrgenerationen-Projekt in der 14.000-Einwohner-Stadt.

Früher kümmerten sich die Mütter und Großeltern um die Kinder. Die Familie war auch da, wenn Opa mal zum Arzt musste. Heute ist das anders, und wer glaubt, dass das vor allem ein Großstadt-Problem sei, dem widerspricht Johann Arends (CDU), Bürgermeister von Neuenhaus. «Wir haben echte Probleme hier», sagt er. «Viele Kinder sind allein», betont auch Stadträtin Renate Berens (SPD): «Nachbarschaftshilfe findet nicht mehr in dem Maß statt wie früher.»

Das Mehrgenerationenprojekt dicht an der niederländischen Grenze basiert auf ehrenamtlicher Mitarbeit. Die Bürger können sich im Familien-Service-Büro in der Innenstadt melden. Wer mag, kann kleine Botengänge, Hilfe bei der Gartenarbeit oder Begleitung zu kulturellen Veranstaltungen anbieten. Senioren wiederum können anbieten, mit Kindern zu spielen, ihnen Geschichten vorzulesen oder bei den Hausaufgaben zu helfen. «Ans Schwarze Brett werden diese Wünsche bei uns nicht gepinnt», sagt Gerlinde Kalmer vom Service-Büro. Der Kontakt solle diskret hergestellt werden. «Die Leute sollen sich erst einmal kennenlernen und Vertrauen zueinander aufbauen.»

"Leihomas" weit verbreitet

In Niedersachsen gibt es eine Fülle von Mehrgenerationen-Projekten - einen Überblick hat noch nicht einmal das Sozialministerium. In vielen Städten gibt es beispielsweise «Leihomas», wie in Hannover. Ursula Kühne ist eine von ihnen: Einmal die Woche kommt die rüstige Rentnerin zur Familie Christ in Hannover-Badenstedt um mit der dreijährigen Sarah und ihrem fünfjährigen Bruder Jonas zu spielen.

«Ich wollte im Alter nicht einfach nur zu Hause rumhängen oder zum Kaffeeklatsch gehen», sagt sie. «Da hatte ich keine Lust drauf.» Dabei hat die Seniorin auch eigene Enkelkinder. Die Tochter zog aber kurz nach der Geburt des Kindes mit ihrer Familie nach Hamburg. «Ich war gerade glücklich, dass ich auch endlich Oma werde - und dann ziehen sie weg», sagt Ursula Kühne. «Da war ich vielleicht geladen.» Als sie dann von dem Leihoma-Projekt der Diakonie in Hannover erfuhr, meldete sie sich an und lernte schließlich die Familie Christ kennen. «Da stimmte von Anfang an die Chemie», sagt sie. Seitdem besucht sie ihre «Leihfamilie» regelmäßig einmal die Woche. «Zwischen uns ist eine richtige Freundschaft entstanden. Das gibt mir unheimlich viel», sagt die 72-Jährige. «Ich wollte etwas tun, das auch ein bisschen sozial ist.»

Staat verlagert immer mehr Lasten in die Privatsphäre

Ob in Neuenhaus oder in Hannover - die Probleme der Familien sind gleich. «Wir haben eine akute Versorgungslücke zu füllen», sagt Barbara Duden, Soziologieprofessorin aus Hannover. Zudem stünden die Frauen unter enormem Druck, erwerbstätig zu sein. «Sie geraten dadurch in eine extreme Zeitknappheit, in der sie ihren Alltag organisieren müssen», betont die Wissenschaftlerin. Der Staat verlagere immer mehr Lasten - beispielsweise in der Kinderbetreuung oder Altenpflege - in die Privatsphäre oder ins Ehrenamt. Barbara Duden weist auf die Ambivalenz von Projekten wie den Leihomas hin: «Es ist eben nicht nur nett, dass die Familien ehrenamtliche Hilfen haben, sondern es geht auch darum, Kosten zu sparen.» (Von Kathrin Streckenbach und Elmar Stephan, dpa)

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