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Mit Fingerspitzen dem Krebs auf der Spur
In Düren werden blinde Frauen in einem Forschungsprojekt zur "Medizinischen Tastuntersucherin" (MTU) ausgebildet. Sie lernen, kleinste Knoten zu ertasten.
Was schwerbehinderten Frauen ein neues Arbeitsfeld eröffnet, kann anderen helfen, Brustkrebs frühzeitiger zu erkennen. Die Idee hatte ein Duisburger Frauenarzt. Im Oktober sind die "Discovering hands" - die entdeckenden Hände - in die zweite Runde gegangen.
Am Computer heben sich winzige Punkte auf der Tastatur ab. Mühelos kann Miroslawa Gräßer die Muster mit den Fingerkuppen ertasten. Das Fingerspitzengefühl, das sie fürs Lesen der Brailleschrift benötigt, kommt jetzt auch anderen zugute: Die blinde Frau wird zur "Medizinischen Tastuntersucherin" (MTU) umgeschult.
In einer Frauenarztpraxis in Monheim am Rhein hat sich eine junge Mutter zur Untersuchung angemeldet. Auf einem Schaubild zeigt Gräßer der Patientin, wie sie vorgeht: "Jede Brust wird systematisch in zwei Bahnen untersucht, zuerst die äußere, dann die innere", erläutert sie.
Auf der Liege rückt sie der Patientin ein großes Kissen zurecht. Dann wandern ihre Finger Zentimeter für Zentimeter mit sanftem Druck über die Haut. Der Raum ist angenehm temperiert, die Atmosphäre entspannt. Dabei geht es in dem kleinen Untersuchungszimmer um Lebenswichtiges: die Früherkennung von Brustkrebs. Die Krankheit ist bei Frauen im mittleren Lebensalter zwischen 40 und 45 Jahren die häufigste Todesursache und liegt auch in anderen Altersstufen statistisch weit vorn.
Forschungsprojekt "Discovering hands"
Nach gut 20 Minuten hört die Patientin erleichtert, dass Miroslawa Gräßer keine Verdichtungen aufgespürt hat. "Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, dass ich gründlich untersucht worden bin", meint sie. Dabei ist die Tastuntersucherin so neu in dem Beruf wie das ganze Arbeitsfeld. Noch vor einem Jahr arbeitete sie in einem Büro, bis ihre Stelle Sparmaßnahmen zum Opfer fiel. Beim Integrationsfachdienst erfuhr sie von der Rehabilitationsmöglichkeit beim Forschungsprojekt "Discovering hands".
"Die Tastuntersuchung der Brust muss gründlicher werden", heißt die Botschaft. Der Hintergrund: Je kleiner ein entdeckter Tumor noch ist, desto besser sind die Heilungschancen. Die "Palpation" ist die einzige reguläre Methode in der "Krebsvorsorge" bei Frauen unter 50 Jahren. Ultraschall- oder Röntgendiagnostik werden in der Regel erst bei einem Tastbefund vorgenommen.
Projektgründer Dr. Frank Hoffmann fand daher rasch Mitstreiter für seine Idee, die besondere Sensibilität blinder Menschen fachlich auszubilden, um die Tastuntersuchung zu verfeinern: "Blinde trainieren in Ermangelung ihres Gesichtssinns das verbleibende Sensorium intensiver", argumentierte der Duisburger Frauenarzt.
Die Ärztekammer Rheinland entwickelte ein Zertifikat. Sie überzeugte die "wünschenswerte Verbesserung der Frühdiagnose durch zeitlich ausgedehntere Palpation der weiblichen Brust", die im knappen ärztlichen Zeitbudget meist in zwei bis drei Minuten über die Bühne geht. Der Landschaftsverband Rheinland fördert die Beschäftigungschance für die schwerbehinderten Frauen mit 200.000 Euro.
Anatomie, Physiologie und Pathologie auf dem Lehrplan
Im Juli dieses Jahres bestanden die ersten beiden Umschülerinnen die theoretische Prüfung vor der Ärztekammer Nordrhein. Zuvor hatten sie sich sechs Monate im Berufsförderungswerk für Blinde in Düren mit Anatomie, Physiologie und Pathologie der weiblichen Brust, medizinischer Untersuchung und Terminologie, Dokumentation und Gesprächsführung befasst. "Allein das Kommunikationstraining umfasste 200 Stunden", erzählt Gräßer.
Im August begann sie die dreimonatige Praxisphase in einer Krebsambulanz. Es war ein Sprung ins kalte Wasser. "Da konnte ich zum ersten Mal erleben, wie sich ein Karzinom wirklich anfühlt", sagt die angehende MTU. Vom Silikonmodell im Unterricht kannte sie nur künstliche Knoten. Täglich ging sie auf die Station. Berührt hat sie der Schmerz, aber auch die Gelassenheit mancher Frauen im Umgang mit der Krankheit. "Ich habe dort viel von den Frauen gelernt", sagt sie.
In der Arztpraxis ist die Situation entspannter, doch die angehende MTU nimmt ihre Aufgabe sehr ernst. "Wir sind beeindruckt, wie gewissenhaft und sicher sie die Untersuchungen durchführt", sagt Ernst Rainer Gethmann, der die Praktikantin mit seinem Kollegen Dr. Friedhelm Fester in der Gemeinschaftspraxis aufnahm. Dabei waren die Gynäkologen zuerst skeptisch, "ob sie auch Befunde in der Tiefe ausreichend feststellen kann".
Das änderte sich spätestens, als die junge Frau bei einer Patientin eine Verdichtung aufspürte, die nur zwei Millimeter groß war und anderthalb Zentimeter unter der Hautoberfläche lag. "Das wird mancher bezweifeln, aber sie hat es getastet", betont Gethmann. Was die Frauen leisten können, wird seit Oktober aber auch noch an der Universitätsklinik Essen wissenschaftlich untersucht. Dort haben fünf neue Umschülerinnen ihre Ausbildung angetreten. (Leonie von Manteuffel)
Info: Brustkrebsfrüherkennung als GKV-Leistung
Ab dem 30. Lebensjahr: ein Mal jährlich im Rahmen der "Krebsvorsorge" ärztliche Tastuntersuchung und Unterweisung zur Selbstuntersuchung
Vom 50. bis 69. Lebensjahr zusätzlich: alle zwei Jahre Röntgen (Mammografie)
Empfohlene Selbstuntersuchung: alle vier Wochen, am besten acht Tage nach Beginn der Monatsblutung


