Über den Beruf eine Heimat finden

Das Mentoringprojekt „Schritt für Schritt“ der VdK-Tochterfirma Integra gGmbH hilft Geflüchteten einen Job und soziale Netzwerke in Berlin zu finden.

In Seminaren wurden Markus Streichart (links) und Soltan Mohaghegh auf die Herausforderungen des deutschen Arbeitsmarktes vorbereitet. | © VdK


Soltan Mohaghegh ist glücklich. Zum Zeitpunkt des Interviews im September 2018 sind es nur noch wenige Tage bis zum Beginn seiner Ausbildung. Krankenpfleger will er werden. 2016 ist der jetzt 22-Jährige von Afghanistan nach Berlin geflüchtet. In flüssigem Deutsch erzählt er in einem Kreuzberger Büro, wie er in knapp zwei Jahren so viel erreicht hat.

Geholfen hat ihm das Projekt „Schritt für Schritt“. Es vermittelt seit 2016 Mentorinnen und Mentoren an Geflüchtete, um ihnen den Einstieg ins Berufsleben zu erleichtern. Denn „aus Sicht der Integra gelingt Integration am besten über ein festes Arbeitsverhältnis“, sagt Rebekka Meyer, die Leiterin des Projekts. In vorher festgelegten Zeiträumen und Zielvorhaben helfen die ehrenamtlichen Mentorinnen und Mentoren in einem 1:1- Mentoring den Geflüchteten „Schritt für Schritt“ ihre selbst gesteckten Ziele zu erreichen, sei es die Verbesserung der Sprachkenntnisse oder die Suche nach einem Job oder Ausbildungsplatz. Dafür nehmen sie an Seminaren teil, die sie auf die Arbeit und die Herausforderungen vorbereitet; die Geflüchteten bekommen im Seminar Praktisches zur Jobsuche vermittelt.

Typisch Deutsch: Zielvereinbarung

Die Ziele von Soltan Mohaghegh waren vor allem Deutsch zu lernen und den Lebenslauf auf Vordermann zu bringen, um einen Ausbildungsplatz zu finden, denn es fehlen ihm viele Dokumente. So haben er und sein Mentor Markus Streichardt es in einer Zielvereinbarung festgelegt „Typisch deutsch, dass das schriftlich festgehalten werden muss“, meint der 32-jährige Berliner Projektmanager „mittlerweile geht unser Tandem weit darüber hinaus“. Beispielsweise ist jetzt die, wahrscheinlich größte, Herausforderung eine Wohnung oder Wohngemeinschaft zu finden, die näher an dem Ausbildungsort am Wannsee liegt. „Ich teile mir ein Zimmer in einem Wohnheim“, erzählt Mohaghegh, „das ist oft sehr schwierig, vor allem, wenn man mit einer Ausbildung anfängt und etwas lernen möchte.“

2017 hatte sich Streichardt entschlossen, mehr für die Geflüchteten in Berlin zu tun, „als nur ein Like bei Facebook“ zu geben. Und ihm war besonders wichtig, ein Projekt zu finden, wo er helfen kann, ohne von oben herab zu bestimmen. Bei „Schritt für Schritt“ geben die Geflüchteten, die „Mentee“, das Ziel vor: „Sie verfügen über viele Kompetenzen und eine hohe Eigeninitiative, benötigen in der neuen Umgebung jedoch Hilfestellungen bei der beruflichen Orientierung “, sagte Rebekka Meyer „Die Mentorinnen und Mentoren sollen verschiedene Option aufzeigen, müssen aber auch aushalten, wenn ihre Mentee andere Vorstellungen haben und ihre eigenen Entscheidungen treffen.“ Für Soltan Mohaghegh beispielsweise wäre es einfacher gewesen, als Altenpfleger anzufangen. Doch das kam für ihn nicht in Frage. Er hat einen afghanischen Schulabschluss, der dem Mittleren Schulabschluss entspricht und wollte schon in Afghanistan Krankenpfleger werden.

Angst vor Fluchterfahrung?

Markus Streichardt, der viel Lob und Anerkennung im Freundes- und Bekanntenkreis erhält, wundert sich, dass sich nicht mehr Menschen ehrenamtlich engagieren. Es sei ja ein Ehrenamt auf Zeit. Und auch wenn man merkt, dass man nicht zusammen passt, lässt sich das Mentoring im guten Einvernehmen wieder auflösen. Ob es Angst ist vor der Fluchterfahrung? Das könne gut sein, müssen sie aber nicht, meint er. Viele Mentorinnen und Mentoren wissen nicht, ob und wie sie das Thema ansprechen können, berichtet Meyer, „Auch darauf werden sie in Seminaren durch psychologisch geschulte Referentinnen vorbereitet.“

Auch ohne das Thema Flucht, handelt es sich bei dem Mentoringprojekt um ein anspruchsvolles Ehrenamt. Die Mentorinnen und Mentoren müssen bereit sein, kontinuierlich an sich und ihren Einstellungen und der Haltung zu arbeiten und sich selbst zu reflektieren. Gleichzeitig müssen beide Seiten bereit sein, eine Beziehung einzugehen und persönliches preiszugeben, auch wenn es nicht unbedingt das Ziel ist, Freunde zu werden.

Ausblick auf 2019

Denn es gibt auch Tandems, die ihre Zusammenarbeit vorzeitig beenden. Das kann viele Gründe haben, oft erleben es die Projektkoordinatorinnen, dass das Mentoring rein funktional angegangen wird und die Beziehungs- und Vertrauensarbeit auf der Strecke bleibt. Diese Tandems bleiben meist nicht lange bestehen. Dennoch hat das Projekt, dass von Aktion Mensch und der Stiftung Parität gefördert wird, sein Ziel mehr als erreicht. In 3 Jahren sollten 100 Tandems entstehen. Nach 2 Jahren hatten Rebekka Meyer und ihr Team bereits rund 130 Mentorinnen und Mentoren vermittelt. Und nach wie vor melden sich viele interessierte Mentee und Ehrenamtliche. So hofft das Projekte-Team auf eine Projektverlängerung im Jahr 2019.

„Man kann sich unmöglich zwei Stunden lang nur über Berufe unterhalten“, erzählt Markus Streichardt noch über ihr Tandem. Zum Deutsch lernen übersetzt Soltan Mohaghegh afghanische Lieder, Streichardt guckt auf die Texte. So hat er eine Menge über die afghanische und persische Kultur gelernt. Neben dem „Beruflichem“ unternehmen sie auch privat etwas. Aus der Patenschaft ist hier mittlerweile eine Freundschaft entstanden.

Bettina Kracht

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