24. Mai 2017
VdK-Zeitung Archiv

Eingesperrt in der eigenen Wohnung

Gisela B. kann sich mit ihrer Mini-Rente nur ganz selten einen Ausflug leisten

In manchen Regionen Bayerns haben Frauen derart niedrige Renten, dass es oft kaum zum Leben reicht. Von einem lebenswerten Alltag sind sie weit entfernt. Im Landkreis Cham in der Oberpfalz bekommen Rentnerinnen im Schnitt 462 Euro. Die VdK-Zeitung hat dort eine alleinlebende Frau besucht, die sogar nur 444 Euro Rente hat.

Rentnerin Gisela B. ist froh, ihre Hündin Sissi und eine schöne Aussicht zu haben. Denn wegen ihrer geringen Rente kommt sie nur selten raus. | © Sebastian Heise


Gisela B. blickt aus ihrem großen Wohnzimmerfenster ins Grüne. „Die Aussicht ist sehr schön“, sagt sie. Sie sei froh, diese zu haben. Doch es klingt viel Wehmut mit. „Denn“, so sagt sie später, „man möchte doch schon mal weg von zu Hause.“ Nicht nur aus dem Fenster schauen oder den ganzen Tag fernsehen.

Für die 65-Jährige ist es Luxus, wenn sie zum Einkaufen fährt. Gisela B. sitzt im Rollstuhl und kommt nur mit dem Auto fort. Mit dem Taxi in die Stadt nach Cham zu fahren, kostet sie hin und zurück 50 Euro. Bei einer Rente von 444 Euro im Monat überlegt sie sich das zweimal. Meist gönnt sich Gisela B. diesen Ausflug nur, wenn sie zum Arzt muss, und das muss sie wegen ihrer Osteoporose sowieso immer mal wieder. Selbst einen Termin beim Augenarzt schiebt sie vor sich her, da sie die Kosten scheut oder nicht schon wieder ihren Nachbarn fragen will, ob er sie mitnimmt. Dabei bräuchte sie dringend eine Brille, damit sie wieder richtig lesen kann.

Umzug in die Stadt?


Gisela B. denkt immer wieder darüber nach, vom Dorf in die Stadt umzuziehen. Dann könnte sie selbstständig einkaufen oder mal einen Kaffee trinken gehen und sich mit anderen Menschen treffen. Mit ihrem Grad der Behinderung von 90 und den Merkzeichen G und B könnte sie in ganz Deutschland kostenlos mit Bus und Bahn fahren, erzählt sie. Doch was nützt ihr das, wenn sie sich die Fahrt zur nächsten Haltestelle nicht leisten kann. Sie weiß aber gar nicht, ob sie ein Leben in der Stadt finanzieren könnte. In ihrer Wohnung hat sie zum Glück kostenloses Wohnrecht. Das hatte sie mit ihrem Sohn vereinbart, als sie ihm das Haus übertragen hatte.

Sie fragt sich immer wieder, warum sie so eine geringe Rente bekommt. Sie habe in ihren ersten Berufsjahren doch „sehr gut verdient“. Später machte sie mit ihrem Ex-Mann in ihrem eigenen Haus ein Café auf und zahlte in dieser Zeit nicht in die Rente ein. Als ihre Tochter mit 15 bei einem Verkehrsunfall starb, geriet ihr Leben aus den Fugen. Ihr Mann und sie trennten sich, sie bekam Alkoholprobleme, erkrankte an Osteoporose und wurde Erwerbsminderungsrentnerin.

Angelika Peintinger, VdK-Kreisgeschäftsführerin in Cham, hilft Gisela B. seit Jahren. Deren Mini- Rente sei kein Einzelfall, sagt Peintinger. „Wir haben im Landkreis Cham sehr wenig Industrie, und die Löhne sind niedrig.“ Vor allem zur Zeit des Kalten Kriegs siedelten sich kaum Unternehmen nahe des Eisernen Vorhangs an. Früher lag die Arbeitslosenquote in Bereichen des Landkreises bei weit über zehn Prozent. Mittlerweile sind es zum Glück nur noch 2,4 Prozent.

„Viele der älteren Menschen, denen Grundsicherung zustände, trauen sich oft nicht, diese zu beantragen“, berichtet Peintinger. Sie befürchten, dass dann ihre Kinder herangezogen werden. Dies sei aber bei den meisten nicht der Fall, da es einen jährlichen Einkommensfreibetrag von 100.000 Euro gibt, der nicht angetastet wird. Die Kreisgeschäftsführerin empfiehlt, sich beim Sozialverband VdK beraten zu lassen.

Christian Eisenried, VdK-Bezirksgeschäftsführer Oberpfalz, kennt das Problem der geringen Renten in den Regionen Cham, Schwandorf, Tirschenreuth und Weiden. Es sei ein „sehr ländlicher Raum“. Viele der Frauen, die heute eine geringe Altersrente beziehen, hätten früher als mithelfende Angehörige auf dem Bauernhof der Familie gearbeitet. „Es wurden dann zwar Krankenversicherungsbeiträge gezahlt, aber keine Rentenbeiträge.“ Diese Jahre fehlen einfach. Und selbst, wenn diese Frauen später noch sozialversicherungspflichtig gearbeitet haben, war der Verdienst meist sehr gering. Viele Frauen in diesen Regionen blieben auch wegen ihrer Kinder lange Zeit zu Hause. Dies sei bis heute in vielen Familien Tradition, hat aber zur Folge, dass Frauen oft geringe Renten bekommen.

Gisela B. hat Kinder und ihr Leben lang gearbeitet, lebt aber trotzdem in Altersarmut. Eine stützt sie und nimmt sie an, wie sie ist: ihre Hündin Sissi.

Altersarmut in Bayern

Jede vierte Frau ab 65 Jahren ist in Bayern von Altersarmut bedroht. 2015 lag die Quote bei 24,4 Prozent. Bei den Männern dieser Altersstufe waren es 18,5 Prozent. Grund sind vor allem die niedrigen Renten: Bestandsrentnerinnen kamen 2015 im Schnitt auf 610 Euro. Bei den männlichen Rentnern waren es 1078 Euro. In Niederbayern und der Oberpfalz sind die Frauenrenten mit 527 beziehungsweise 534 Euro am geringsten. Vor allem alleinstehende Rentnerinnen wie Gisela B. sind also von Armut bedroht.

In der Aktion „Soziale Spaltung stoppen!“ zur Bundestagswahl im September fordert der Sozialverband VdK: Die Talfahrt des Rentenniveaus muss bei 48 Prozent gestoppt werden, die Renten müssen ohne Abstriche den Löhnen folgen, und mittelfristig sollte das Rentenniveau wieder auf 50 Prozent ansteigen.


Sebastian Heise

Schlagworte Rente | Frauenrente | Altersarmut | Grundsicherung | Erwerbsminderungsrente

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