26. November 2014
VdK-Zeitung Archiv

Sechs Punkte, die die Welt veränderten: 1825 erfand Braille die Blindenschrift

Wer im Alter sein Augenlicht verliert, lernt nur selten Brailleschrift – doch ein Kurs kann auch Senioren den Alltag erleichtern

Sechs Punkte, drei in der Höhe und zwei in der Breite, haben vielen blinden Menschen den Weg zur Bildung eröffnet: 1825 erfand der 16 Jahre alte Louis Braille die Blindenschrift. Der Welt-Braille-Tag an seinem Geburtstag, dem 4. Januar, erinnert noch heute an ihn.

Symbolfoto: Finger tasten über eine Seite mit Brailleschrift

Louis Braille war erst vier Jahre alt, als er nach einem Unfall und einer Infektion völlig erblindete. Doch der wissbegierige Junge wollte sich nicht damit abfinden, dass er nie lesen lernen würde. In der Blindenschule lernte er eine Art Prägeschrift kennen, die zu ertasten jedoch sehr schwierig war. Als Elfjähriger erfuhr er von der „Nachtschrift“, die für militärische Zwecke erfunden worden war. Sie bestand aus zwölf Punkten, die ganze Silben darstellten.

Braille vereinfachte die Schrift, indem er die Anzahl der Punkte auf sechs verringerte und für jeden einzelnen Buchstaben eine eigene Kombination erfand. Als 16-Jähriger hatte er die Schrift fertiggestellt. Es sollte allerdings noch eine Zeit lang dauern, bis sich die Punkteschrift von Braille durchsetzte: Erst 1850 wurde sie in den französischen Blindenschulen eingeführt. Den internationalen Siegeszug seiner Erfindung im Jahr 1868 erlebte Louis Braille nicht mehr: Er starb 1852 in Paris an Tuberkulose.

Nach Deutschland kam die Blindenschrift 1879. Das Punktesystem Brailles wurde bis heute kaum verändert. Daneben gibt es eine Kurzschrift. Musiknoten, mathematische Formeln und Strickmuster haben eigene Schriftsysteme. Für das Computer-Braille wurde eine zusätzliche Zeile eingeführt – die Schriftzeichen bestehen nicht aus sechs, sondern aus acht Punkten. In Deutschland werden jährlich rund 500 neue Bücher in Blindenschrift gedruckt. Es gibt mehrere Wochenzeitungen, und für Menschen, die sowohl eine Hör- als auch eine Sehbehinderung haben, gibt der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) die „Tagesnachrichten für taubblinde Menschen“ heraus.

Immer weniger verbreitet


Auch wenn die Brailleschrift weltweit gelehrt wird, so ist sie dennoch immer weniger verbreitet. Nur etwa jeder fünfte Blinde in Deutschland hat in der Schule oder in einem Bildungswerk gelernt, die Punkte zu ertasten. „Im 19. Jahrhundert erblindeten viele junge Menschen“, erklärt Reiner Delgado, Sozialreferent beim DBSV. Durch die moderne Medizin und die bessere Ernährung ist dies in den Industrieländern heute nur noch selten der Fall.

Die meisten Menschen verlieren erst im Laufe des Erwachsenenalters ihre Sehkraft. Häufige Krankheiten sind die diabetische Netzhauterkrankung, altersabhängige Makula-Degeneration, grauer und grüner Star. Dass gerade Senioren die Blindenschrift oft nicht erlernen, hat mehrere Gründe: „Im Rentenalter findet sich kein Träger mehr, der die Kosten für einen Kurs übernimmt“, sagt Delgado. Zudem sei es schwieriger, sich die Schrift im Erwachsenenalter anzueignen als in jungen Jahren. Dennoch lohne sich die Mühe, betont Delgado, denn das Lesen bringe ein Stück Lebensqualität zurück. „Im Alter glauben die Menschen, sie müssten sich mit ihren Leiden abfinden. Deshalb bemühen sie sich oft nicht um eine Reha“, bedauert er.

Vor allem Selbstständigkeit gewinne man hinzu, wenn man beispielsweise die Lebensmittel im Haushalt beschriften könne, um sich besser zurechtzufinden. Natürlich braucht man Fingerspitzengefühl, sprachliche Fähigkeiten und die körperlichen Voraussetzungen, um die Hände über das Papier zu bewegen und die Brailleschrift einzustudieren. Aber Reiner Delgado macht Mut: „Man kann diesen Tastsinn erlernen.“ Auch die Computertechnik hat sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt. Mittlerweile gibt es Vorleseprogramme, sogenannte Screenreader, die Internetseiten akustisch oder über eine Braillezeile übersetzen.

Die Spracherkennung von Computern hat sich verbessert, und für den Haushalt wurden viele kleine Helfer erfunden. Ob man sich diese Neuerungen leisten kann, ist auch eine Frage des Geldes. Eine Braillezeile am Computer beispielsweise ist im Vergleich zur Spracherkennung wesentlich teurer, und nicht alle Krankenkassen sind bereit, sie zu finanzieren. Auch das ist einer der Gründe, weshalb die Brailleschrift fast 200 Jahre nach ihrer Erfindung in den Industrieländern kaum noch Verbreitung findet. „Vorlesen lassen geht schneller“, sagt Delgado. „Das machen die meisten.“

Information

Wer die Brailleschrift erlernen will, kann sich an den Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) wenden. Die Vereine des DBSV bieten bundesweit kostengünstige Kurse und Einzelunterricht an. Informationen gibt es unter Telefon (0 18 05) 66 64 56 (14 Cent/Minute) oder auf der Internetseite des Verbands unter www.dbsv.org

Annette Liebmann

Schlagworte Blindenschrift | Brailleschrift | Louis Braille

Mediadaten

Hier finden Sie die aktuellen Preise (bayernweit) für gewerbliche Anzeigen für die VdK-Zeitung als Download:

Impressum

Hier finden Sie das Impressum der VdK-Zeitung:

Archiv


Hier finden Sie Artikel aus älteren Ausgaben der VdK-Zeitung:


Weitere Artikel aus der VdK-Zeitung finden Sie auf den Seiten des VdK Deutschland: VdK-Zeitung

Presse
Symbolfoto: Unterlagen, eine davon mit dem Vermerk "Wichtig"
Bleiben Sie stets auf dem Laufenden: Unsere Abteilung "Presse, PR, neue Medien" versorgt Journalistinnen und Journalisten mit aktuellen Pressemeldungen und Statements des Sozialverbands VdK Bayern.
VdK-Zeitung
Eine Frau und ein Mann lesen die VdK-Zeitung
Mit einer Druckauflage von 600.000 Exemplaren zählt die VdK-Zeitung zu den auflagenstärksten Printmedien in ganz Bayern. Alle VdK-Mitglieder bekommen sie zehnmal pro Jahr kostenlos per Post zugestellt.
VdK-TV
Die Videoprogramme des Sozialverbands VdK bieten spannende Interviews, aktuelle Reportagen und anschauliche Berichte. Sie sind über das Video-Portal VdK-TV jederzeit im Internet abrufbar.
Presse
Symbolfoto: Ein Briefumschlag mit einem großen @-Zeichen darin.
Wir bieten Ihnen zwei Newsletter an, die Sie kostenfrei abonnieren können: unseren Presse-Newsletter mit den aktuellen Pressemitteilungen des VdK Bayern und den monatlichen Newsletter.
Tipps und Termine
Symbolfoto: Ausgeschnittene Papiermännchen bilden einen Kreis
In unserer Rubrik "Tipps und Termine" stellen wir Ihnen aktuelle Neuigkeiten aus dem Verbandsleben, Aktionen, Veranstaltungen, Pressemitteilungen sowie Links zu interessanten Beiträgen vor.

Datenschutzeinstellungen

Wir setzten auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig, während andere uns helfen, unser Onlineangebot zu verbessern.

  • Notwendig
  • Externe Medien
Erweitert

Hier finden Sie eine Übersicht über alle verwendeten Cookies in externen Medien. Sie können Ihre Zustimmung für bestimmte Cookies auswählen.