26. November 2014
VdK-Zeitung Archiv

Live-Reporter machen Fußball für Blinde zum Erlebnis

Viele Vereine der 1. und 2. Bundesliga bieten Service für Sehbehinderte an – Bayer 04 Leverkusen war in Deutschland Vorreiter

„Mittendrin statt nur dabei!“ Dieser Satz gilt mittlerweile auch für blinde und sehbehinderte Stadionbesucher. Egal, ob Fußball-Länderspiele, Bundesliga oder DFB-Pokal – fast überall bringen Sehbehinderten-Reporter ihnen das Geschehen mit Leidenschaft, Kenntnis und Sprachwitz so näher, dass sie das Spiel bestens mitverfolgen und gleichzeitig die Stadion-Atmosphäre hautnah erleben können.

Sehbehinderten-Reporter Matthias Faidt, Robert Simbeck und Philipp Pander (von links). | © Heise

Plötzlich brandet Jubel in der Nordkurve der Münchner Allianz-Arena auf. Im ersten Moment weiß Robert Drasch nicht, wieso. Er sieht nicht, was passiert ist. Er ist blind. Doch die Aufklärung bekommt er sofort: „Bülow steht da wie der Koloss von Rhodos“, hört er über seinen Kopfhörer. Detailgenau schildert Reporter Matthias Faidt, wie der Abwehrspieler des TSV 1860 München im DFB-Pokalspiel gegen den SC Freiburg eine gute Chance der badischen Gäste vereitelt hat.

Mit seinen beiden Kollegen Robert Simbeck und Philipp Pander beschreibt Faidt als ehrenamtlicher Reporter seit fünf Jahren regelmäßig die Spiele der Münchner Löwen für blinde und sehbehinderte Fußballanhänger. Mehr als 50 Sehbehinderten-Reporter sind mittlerweile in der 1. und 2. Bundesliga sowie bei einigen Drittligisten tätig. Die Zuhörer schätzen deren Arbeit sehr. „Bisher bekamen wir nur positive Rückmeldungen“, erzählt Faidt.

Ein Hauptgrund ist sicher, dass sie sich genau an den Bedürfnissen der Menschen mit Sehbehinderung orientieren, wie Fanclubs und Behindertenbeauftragte bestätigen. „Die machen einen super Job“, sagt Detlef Filipski, der sich bei 1860 München um die Belange der Fans mit Behinderung kümmert. Regelmäßig sprechen die Reporter auch mit ihren Zuhörern, um ihre Arbeit zu verbessern. Außerdem treffen sie sich zu Seminaren und Workshops. Der Deutsche Fußball-Bund unterstützt sie dabei.

Gespräch zwischen Fans und Reportern (von links): Matthias Faidt, Robert Drasch, der Behindertenbeauftragte des TSV 1860 München, Detlef Filipski, Robert Simbeck und Philipp Pander. | © Heise

Im Gegensatz zu Radiojournalisten, die das Geschehen eher kommentieren und analysieren, sind sie Reporter im ursprünglichen Sinn des englischen Begriffs „to report“ (wiedergeben). Sie beschreiben das, was sie sehen. Sie sagen, was auf dem Feld passiert, wer im Ballbesitz ist und wo sich die Spieler befinden. Natürlich achten die Reporter auch darauf, was abseits des Feldes geschieht, zum Beispiel erzählen sie, wenn ein unbeherrschter Zuschauer einen Bierbecher Richtung gegnerische Trainerbank wirft. Die Zwischenstände anderer Spiele geben die Reporter ebenfalls regelmäßig durch.

Wenn ein Tor fällt, berichten sie natürlich sofort davon. Danach schweigen die Sehbehinderten-Reporter aber bewusst, damit die Zuhörer die Geräuschkulisse im Stadion genießen können. Auch wenn der Stadionsprecher den Torschützen oder einen Spielerwechsel durchsagt, halten sie sich zurück – höchstens jedoch bis zur nächsten spannenden Situation. Dann greifen sie sofort wieder ein. Bayer 04 Leverkusen ist bei den Live-Reportagen für blinde und sehbehinderte Stadionbesucher Vorreiter gewesen. Der Leiter der Fußballabteilung, Kurt Vossen, ließ sich in England dazu inspirieren, und beim Bundesliga-Spiel der Rheinländer gegen SSV Ulm 46 am 15. Oktober 1999 gab es dann erstmals in der BayArena zwölf spezielle Plätze, ausgestattet mit einem Kopfhörer, mit dem die Besucher den Kommentar der Sehbehinderten-Reporter verfolgen konnten.

Nach und nach richteten andere Clubs solche Tribünenplätze ein. Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland waren alle WM-Stadien damit ausgerüstet. Die Technik hat sich immer weiter verbessert. In München gibt es 20 Geräte, bestehend aus Empfänger und Kopfhörer, die im gesamten Stadion genutzt werden können – also auch in der Fankurve oder am Imbissstand. In den anderen Stadien gibt es bis zu 50 Plätze für Menschen mit Sehbehinderung und ihre Begleiter.

Broder-Jürgen Trede, der schon vor zehn Jahren Live-Reporter ausbildete, sieht darin Vorteile, wenn die Sprecher und die Sehbehinderten nah zusammensitzen. So hat einmal ein blinder Zuhörer gerufen „Jetzt schieß doch endlich!“ Der Reporter reagierte darauf und sagte: „Hätte er mal auf dich gehört. Der Schuss kommt viel zu spät.“ 1860-Fan Robert Drasch findet das Angebot „super“. „Man bekommt alles mit und hat gleichzeitig die Stadionatmosphäre.“ Es gebe auch keine Alternative, sagt er. Die Live-Übertragungen im Internet sind zu stark verzögert. Mit den Beschreibungen von Faidt, Simbeck und Pander dagegen ist er wirklich immer am Ball.

Information

Blinde oder sehbehinderte Fußballanhänger, die ein Spiel besuchen wollen, sollten rechtzeitig beim gastgebenden Verein Karten reservieren. Informationen über die Ausstattung der Stadien mit Sehbehindertenplätzen und Kontaktadressen bietet die Internetseite www.barrierefreiinsstadion.de

Sebastian Heise

Schlagworte Fußball | Live-Reporter | Sehbehinderten-Reporter | Stadion | Menschen mit Sehbehinderung

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