29. September 2014
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Bürgermeister Grubers Kampf gegen die Barrieren

VdK-Mitglied Hajo Gruber sitzt im Rollstuhl und regiert das oberbayerische Kiefersfelden in einem nicht-barrierefreien Rathaus

Jahrelang musste sich VdK-Mitglied Hajo Gruber zu den Gemeinderatssitzungen im Obergeschoss des Rathauses von vier Männern hochtragen lassen. Doch das soll bald der Vergangenheit angehören. Im Frühjahr wurde der 52-jährige Rollstuhlfahrer zum Bürgermeister der oberbayerischen Gemeinde Kiefersfelden gewählt – und jetzt soll endlich ein Aufzug kommen.

Auch motorisiert kennen ihn die Bürger: Mit seinem Quad fährt Hajo Gruber gerne zu Terminen in seiner Gemeinde. | © Heise

Wie in einer Sänfte tragen vier Mitarbeiter den in einem Rollstuhl sitzenden Hajo Gruber in den ersten Stock. Dort befindet sich der einzige Sitzungssaal des Rathauses von Kiefersfelden, in dem mindestens einmal in der Woche eine Besprechung stattfindet. Eigentlich ist im Obergeschoss auch das Büro des Ersten Bürgermeisters. Doch in dem arbeitet im Moment der Kämmerer. Dieser hat mit Hajo Gruber sein Zimmer im Erdgeschoss getauscht. Dieses ist zwar das kleinste Büro, dafür aber für den Rollstuhlfahrer ohne fremde Hilfe zugänglich.

Seit 1996 schon wird Hajo Gruber regelmäßig nach oben getragen. Damals wurde der Rechtsanwalt für Wirtschafts-Vertragsrecht erstmals in den Gemeinderat gewählt. Immer wieder forderte er einen Aufzug für das Rathaus. Doch erst seit er zum Bürgermeister gewählt wurde, tut sich etwas. In wenigen Monaten soll der Lift gebaut sein, erzählt Gruber. Trotz der Barrieren ist er gerne Bürgermeister der 7000 Einwohner zählenden Gemeinde an der Grenze zu Österreich. „Es macht wirklich Spaß“, sagt er mit seinem ansteckend fröhlichen Gemüt.

Der Job sei zwar „sehr zeitintensiv, aber auch spannend“. Allerdings würde er sich schon etwas mehr Zeit für seine Frau und seine drei Kinder wünschen. Die Position ist für ihn neu, die Gemeinde dagegen kennt er in und auswendig. Nur während des Jura-Studiums in München lebte er nicht in Kiefersfelden. Er fühlt sich dort wohl und konnte immer auf die Hilfsbereitschaft seiner Mitbürger zählen.

„Ich bin auch gerne VdK-Mitglied“, erzählt Gruber. Nach dem schweren Unfall, als er im Alter von 18 Jahren beim Skispringen abgestürzt und seitdem komplett querschnittsgelähmt ist, hat der VdK-Ortsverband ihm sehr geholfen, wie der Bürgermeister erzählt. Auch der Direktor seines Gymnasiums in Rosenheim stand ihm damals zur Seite. Der Schulleiter organisierte den Unterricht so, dass Grubers Schulklasse immer im selben Zimmer bleiben konnte. Er schaffte das Abitur, studierte Rechtswissenschaften und wurde in seiner Heimatgemeinde Anwalt.

Als Fraktionsvorsitzender der Unabhängigen Wählergemeinschaft Kiefersfelden machte er sich in der Lokalpolitik einen Namen, und im Frühjahr setzte er sich in zwei Wahlgängen bei der Bürgermeisterwahl durch. Seine Anwaltstätigkeit ruht seitdem. Nun kümmert er sich um die Belange seiner Gemeinde – und Barrierefreiheit ist dabei ein wichtiges Thema. Denn er sei bei weitem nicht der einzige Rollstuhlfahrer in Kiefersfelden, erzählt Gruber. Er hofft auch auf Unterstützung der bayerischen Staatsregierung und verweist auf das von Ministerpräsident Horst Seehofer ausgegebene Ziel eines barrierefreien Freistaats bis 2023.

Gruber könne sich Kiefersfelden als Modellprojekt vorstellen. Diesen Vorschlag hat er Seehofer in einem Brief gemacht. Noch wartet er auf eine Antwort. Der Bürgermeister will Kiefersfelden insgesamt voranbringen: „Es muss grüner, sozialer und wirtschaftlich stärker werden“, sagt Gruber. In früheren Zeiten arbeiteten in der oberbayerischen Grenzgemeinde zahlreiche Zollbeamte. Viele Einwohner waren in der Zement- und Marmorindustrie beschäftigt. Die Industrie zog sich zurück, und der Zoll ist auch nicht mehr nötig. Gruber versucht deswegen, andere Branchen nach Kiefersfelden zu locken, und er will den Tourismus ausbauen. Gruber ist übrigens nicht der einzige Bürgermeister im Rollstuhl in seinem Heimat-Landkreis Rosenheim. In der Gemeinde Prutting regiert seit mehr als sechs Jahren Hans Loy – wie Gruber auch VdK-Mitglied.

Sebastian Heise

Schlagworte Bürgermeister | Menschen mit Behinderung | Hajo Gruber | Barrierefreiheit

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