11. Juli 2014
VdK-Zeitung Archiv

Vorsicht: Schlafmittel machen schnell abhängig

Die Substanzen sollten nicht länger als zwei Wochen eingenommen werden, zudem schaden sie der Qualität des Schlafs

Unruhig wälzt man sich im Bett und findet einfach keinen Schlaf. Am nächsten Morgen fühlt man sich wie gerädert und hat kaum Kraft, den Alltag zu bewältigen. Wird dies zum Dauerzustand, raubt das Energie und stellt auch für die Gesundheit eine ernste Gefahr dar. Da scheinen pharmazeutische Mittel für Menschen, die unter Schlaflosigkeit leiden, zunächst ein Segen zu sein. Doch Vorsicht: Diese Substanzen sind hochwirksam, aber sie machen abhängig und haben Nebenwirkungen.

Wer nur ein paar Nächte hintereinander nicht schlafen kann, fühlt sich schon schlecht. Hält dieser Zustand länger an, ist der Gang zum Arzt sinnvoll. Denn Schlafmangel erhöht das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und schwächt das Immunsystem. Zudem steigt das Risiko von Arbeits-oder Verkehrsunfällen. Früher wurde von vielen Ärzten schnell ein Schlafmittel verschrieben. Schlaf- und Beruhigungsmittel aus der Gruppe der Benzodiazepine und die als Z-Substanzen bezeichneten Wirkstoffe Zopiclon und Zolpidem werden zunächst gut vertragen, doch mit der Einnahmedauer wächst das Risiko für unerwünschte Begleiterscheinungen.

Die Medikamente verlieren allmählich ihre Wirkung, oder es kommt sogar zu einer Wirkumkehr: Symptome wie Angst und Unruhe, gegen die sie eigentlich helfen sollen, werden verstärkt. Und die Mittel machen abhängig. Wie man heute aus mehreren Studien weiß, eignen sich Schlafmittel nicht zum Langzeitkonsum. Sie sollten nicht länger als zwei Wochen eingenommen werden. Zwei, drei Patienten hat Dr. Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender des Hausärzteverbands Bremen und Vorsitzender des Instituts für hausärztliche Fortbildung (IhF) im Deutschen Hausärzteverband, noch in seiner Praxis, die früher von Kollegen Schlafmittel verschrieben bekommen haben und nicht mehr davon loskommen.

Er selbst verschreibt diese Mittel nicht an neue Patienten, die unter Schlaflosigkeit leiden. Stattdessen führt er Gespräche, möchte die Ursache der Schlaflosigkeit ergründen. „Schlafstörungen sind oft ein Signal des Körpers“, sagt der Arzt. „Man muss klären, ob es berufliche oder private Probleme gibt.“ Schlafstörungen seien zudem ein Symptom für psychische Krankheiten wie Ängste oder Depressionen. „Die meisten Patienten sind froh, wenn ich ihnen nichtmedikamentöse Therapien anbieten kann“, betont der Arzt. Er setzt auf Gespräche, Psychotherapie oder auch auf pflanzliche Mittel wie Hopfen und Baldrian, die zumindest eine gewisse Einschlafhilfe bieten.

Schlaf-wach-Rhythmus

„Wenn Menschen über Wochen nicht schlafen können, ist das sehr belastend“, sagt Dr. Mühlenfeld. Trotzdem rät er von Schlafmitteln ab. Hierfür gebe es mehrere Gründe. Man wisse heute, dass diese Mittel süchtig machen und Nebenwirkungen haben. Zum anderen werde durch sie auch der normale Schlaf-wach-Rhythmus beeinflusst. „Ein Schlaf unter Schlafmittelgabe ist für den Körper nicht so erholsam wie der natürliche Schlaf.“ Manche Studien sprechen sogar von einem verstärkten Demenzrisiko. Dr. Mühlenfeld erklärt, dass vieles, was man heute aus wissenschaftlichen Studien weiß, vor 20, 30 Jahren einfach nicht bekannt gewesen ist.

Heutzutage würden Medikamente und ihre Wirkung viel kritischer hinterfragt. „Meine Patienten versuchen, mit möglichst wenigen Medikamenten durchs Leben zu kommen“, sagt der Arzt. „Und ich unterstütze sie dabei.“ Man geht davon aus, dass in Deutschland rund 1,2 Millionen Menschen von Benzodiazepinen oder Z-Substanzen abhängig sind. Die meisten davon sind 65 Jahre und älter. Gerade für betagte Menschen können deren Nebenwirkungen fatale Folgen haben: Denn die Substanzen zeigen auch tagsüber ihre Wirkung, Patienten stürzen zum Beispiel häufiger. Schlafmittel wirken, ähnlich wie Barbiturate, dämpfend auf verschiedene Funktionen des zentralen Nervensystems.

Was also tun, wenn Menschen, die seit Jahren von Schlafmitteln abhängig sind, von diesen loskommen wollen? Dr. Mühlenfeld rät dazu, die Dosis zu reduzieren oder zu versuchen, an manchen Tagen ohne sie auszukommen, um das Mittel ausschleichen zu lassen. Bei einem Entzug muss der Betroffene eng vom Arzt begleitet werden, der die körperliche und psychische Verfassung immer wieder überprüft. Allerdings, so sagt Mühlenfeld auch, gebe es Patienten, die die Mittel einfach nicht absetzen können. Dann sei es ihm lieber, die Patienten würden sich bei ihm fachlichen Rat suchen als einfach den Arzt zu wechseln, um sich die Schlafmittel woanders zu besorgen.

Petra J. Huschke

Schlagworte Schlaf | Schlaflosigkeit | Schlafmittel | Schlaf-wach-Rhythmus | Einschlafhilfe | Schlafstörungen

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