2. Mai 2014
VdK-Zeitung Archiv

Einfühlsamer mit psychisch Kranken umgehen

Beeindruckende Erlebnisausstellung in Straubing bringt näher, wie depressive und schizophrene Menschen empfinden

Deutschlandweit leiden etwa sechs Millionen Menschen an einer Depression. Wie sie sich fühlen, macht die Wanderausstellung „Grenzen erleben“ nachvollziehbar. Das Konzept geht unter die Haut und wurde von Betroffenen selbst gestaltet. Die psychosoziale Arbeitsgemeinschaft (PSAG) Straubing hat „Grenzen erleben“ kürzlich nach Niederbayern geholt. Unter den Mitveranstaltern war auch die Integrationsfirma VdK-Dimetria, die Mitarbeiter mit psychischen Erkrankungen beschäftigt.

Von zwei Personen mit weißen Kitteln und Sonnenbrillen fühlte sich Ausstellungsbesucherin Tina Gerlach (Mitte), Familienreferentin beim VdK Bayern, auf Schritt und Tritt verfolgt. Die Waren auf dem Einkaufszettel in Ruhe zu suchen, fand sie unter diesen Umständen schwierig. Der Supermarkt- Raum war Teil der Ausstellung „Grenzen erleben“. | © Antritter

Schwerer, immer schwerer drückt die Last auf den Schultern, düstere Gedanken schwirren durch den Kopf – diese Erfahrung machten die Besucher der Ausstellung „Grenzen erleben“. Im Depressions-Raum bekamen sie am eigenen Leib zu spüren, wie sich Betroffene fühlen. Dazu wurde jedem Teilnehmer eine Bleiweste umgelegt. In einem abgedunkelten, kargen Zimmer ertönte über Kopfhörer eine schwermütige Stimme, die immer wieder die Frage stellte: „Wozu lohnt es sich überhaupt, zu leben?“ Während Menschen mit einer Depression die sprichwörtliche Schwere der Bleiweste nicht von den Schultern streifen oder die Kopfhörer ablegen können, ist das für die Besucher der Ausstellung möglich.

„Ich bin richtig froh, wieder ans Tageslicht zu kommen“, erzählt Sophie Scheuchenpflug zehn Minuten später erleichtert. Draußen in der Frühlingssonne erscheint die Welt viel freundlicher. Die 18-Jährige lässt sich an der Ursulinen Fachakademie in Straubing zur Erzieherin ausbilden und nimmt gemeinsam mit ihren Klassenkameradinnen an der Ausstellung teil. Sie finden die Erfahrungen, die sie heute im Magnobonus-Markmiller-Saal der Barmherzigen Brüder in Straubing sammeln, sehr wertvoll. „Man kann sich jetzt viel besser vorstellen, wie sich jemand fühlt, der eine Depression oder eine Psychose hat“, stellt eine andere Schülerin fest.

Auch Tina Gerlach, Familienreferentin beim VdK Bayern, nutzt das Angebot der Ausstellung beruflich. Im Psychose-Raum, dem zweiten Erlebnisraum, waren ihre Nerven wie Drahtseile gespannt. Sie stellte fest, dass der alltägliche Einkauf im Supermarkt zum Albtraum werden kann, wenn man sich verfolgt fühlt und seinen eigenen Sinnen nicht vertrauen kann. Im Rahmen von „Grenzen erleben“ werden zudem zwei Filme gezeigt, in denen Betroffene Interviews geben. Auch diese Beiträge hat Tina Gerlach gesehen. Ihr Eindruck? „Ich habe jetzt mehr Verständnis für psychisch kranke Menschen“, erkennt die Diplom- Sozialpädagogin. Ihr sei klar geworden, dass psychische Krankheiten sehr individuell sind: „Jeder Mensch erlebt eine Depression oder eine Psychose anders.“

Niemand ist allein

Die Familienreferentin findet es wichtig, dass niemand in seinem Befinden bei „Grenzen erleben“ allein gelassen wird: Rund 40 Mitglieder der psychosozialen Arbeitsgemeinschaft (PSAG) Straubing betreuen die Ausstellungsgäste und geben Diskussionen und Gefühlen den nötigen Raum. „Grenzen erleben“ ist als Wanderausstellung gedacht und wurde vor zehn Jahren vom Psychiatrischen Dienst in Traunstein gemeinsam mit Betroffenen entwickelt. Die Veranstaltung geht seitdem mit großem Erfolg in ganz Deutschland auf Reisen, damit andere lernen, einfühlsamer mit den Betroffenen umzugehen. Für den Sozialverband VdK war es eine Ehrensache, die wichtige Ausstellung in Straubing finanziell zu unterstützen.

Psychische Erkrankungen sind immer noch tabu, besonders auf dem Arbeitsmarkt. Depressive werden schnell als nicht leistungsfähig abgestempelt. Dass es auch anders geht, zeigt die Integrationsfirma VdK-Dimetria in Straubing, die „Grenzen erleben“ gemeinsam mit dem Beruflichen Trainingszentrum (BTZ-VdK Rehawerk Straubing) aktiv mitgestaltet. Von den 157 Mitarbeitern beschäftigt das Unternehmen 97 Menschen, die seelisch eingeschränkt sind. Tina Gerlach nimmt viel aus der Ausstellung mit: „Psychisch Kranken ist es wichtig, akzeptiert zu werden. Betroffene ernst zu nehmen hilft ihnen weiter“, rät sie.

Weitere Informationen zur Wanderausstellung "Grenzen erleben":
Sozialpsychiatrischer Dienst Traunstein
Herzog-Wilhelm-Str. 20
83278 Traunstein
0861/98877-51


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Elisabeth Antritter

Schlagworte psychische Erkrankungen | Depressionen | Psychosen | Ausstellung | Erlebnisausstellung | Schizophrenie | Integrationsfirma | Wanderausstellung

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